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Schöpfung und Evolution, Naturwissenschaft und Naturgeschichte


Artikel als PDF-Datei (11 Seiten, 253 KB, Stand: 21.04.2010)

„Realwissenschaft zu betreiben gleicht dem Versuch eines Kriminologen, anhand von Indizien einen plausiblen Tathergang zu rekonstruieren, ohne dabei den ‚großen Unbekannten’ als Erklärung zu bemühen“ (Neukamm 2009a, 62).

„Auch Erklärungsansätze sind Erklärungen …“ (Neukamm 2009a, 69).

Zusammenfassung:

Hat die Erforschung der Naturgeschichte eine Sonderstellung gegenüber Naturwissenschaft? Haben schöpfungstheoretische Ansätze einen legitimen Platz in der Wissenschaft? Beides wird häufig bestritten und damit Schöpfungshypothesen und grundsätzliche Kritik an Evolutionstheorien per se als unwissenschaftlich disqualifiziert.

Bei der Verhältnisbestimmung von „Schöpfung“ und „Naturwissenschaft“ geht es um Ursprungsfragen. Ursprungsforschung benötigt zwar die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung, ist aber dort, wo sie unvoreingenommen geschieht, mehr als klassische Naturwissenschaft. Denn für die Beantwortung der Frage, welchen Ursprung das Leben hatte, ist die Einengung auf ‚natürliche Faktoren’ nicht zu rechtfertigen, wenn ergebnisoffen vorgegangen wird. Schöpfung ist willentliche, zielorientierte Handlung, sie lässt sich nicht oder wenigstens nicht ausschließlich mit Naturgesetzen verstehen oder aus Naturgesetzen plus Randbedingungen ableiten. Eine ergebnisoffene Forschung darf die Möglichkeit von „Schöpfung“ nicht vornherein ausschließen.

Martin Neukamm bestreitet in einem Beitrag des Sammelbandes „Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus“ (Neukamm 2009a) die Sonderstellung naturhistorischer Forschung, sie sei nicht anders als andere Naturwissenschaft. Seine Kritik begründet er wie folgt:

  1. Sowohl Naturwissenschaft als auch Geschichtswissenschaft haben keinen direkten Zugang zu ihrem Forschungsgegenstand.
  2. Historische Evolutionstheorien erlauben gleichermaßen Vorhersagen wie solche Theorien, die gegenwärtige Prozesse beschreiben.
  3. In den Naturwissenschaften fallen „Wie“-Fragen und „Woher-Fragen“ im Falle von Ursprungsfragen zusammen.

In diesem Artikel wird Neukamms Argumentation erläutert und kritisch analysiert. Es wird gezeigt, dass seine Argumentation in vielerlei Hinsicht fehlerhaft ist. Er gleicht die Naturwissenschaft unsachgemäß der Geschichtswissenschaft an (nicht umgekehrt) und vermischt zwei Gründe bzw. Begriffe für „Nichtbeobachtbarkeit“ (bestimmte Entitäten oder Prozesse sind nicht direkt beobachtbar, weil sie nicht direkt zugänglich sind oder aber diese Entitäten und Prozesse existieren gar nicht). Der Rückgriff auf mutmaßliche „verborgene Ursachen“ ist nur ein Eingeständnis, dass man die Phänomene mit den bekannten Gesetzen derzeit nicht erklären kann. Weiter wird gezeigt, dass zwischen Retrodiktionen historischer Theorien und echten Prognosen naturwissenschaftlicher Theorien trotz mancher formaler Gemeinsamkeiten große Unterschiede bestehen. Und Neukamms Beispiele, die zeigen sollen, dass Wie- und Woher-Fragen zusammenfallen, sind allesamt untauglich, da es sich bei ihnen um bloße Gesetzmäßigkeiten handelt, die mit einmaligen historischen Prozessen nicht vergleichbar sind.

Summary (via DeepL)

Does the study of natural history hold a special position relative to the natural sciences? Do creationist approaches have a legitimate place in science? Both are frequently disputed, and as a result, creationist hypotheses and fundamental critiques of evolutionary theories are per se dismissed as unscientific.

Determining the relationship between “creation” and “natural science” involves questions of origin. While research into origins relies on the findings of natural science, it is—when conducted without bias—more than just classical natural science. For in answering the question of the origin of life, limiting the search to “natural factors” cannot be justified if the approach is open-ended. Creation is a deliberate, purposeful act; it cannot be understood—or at least not exclusively—through the laws of nature, nor can it be derived from the laws of nature combined with boundary conditions. Research that remains open to all possibilities must not rule out the possibility of “creation” from the outset.

In a contribution to the anthology *Evolution in the Crosshairs of Creationism* (Neukamm 2009a), Martin Neukamm disputes the special status of natural history research, arguing that it is no different from other natural sciences. He justifies his criticism as follows:

  1. Neither the natural sciences nor the historical sciences have direct access to their objects of study.
  2. Historical theories of evolution allow for predictions just as much as theories that describe present-day processes.
  3. In the natural sciences, “how” questions and “wherefrom” questions coincide in the case of questions of origin.

This article explains and critically analyzes Neukamm’s argument. It is shown that his argument is flawed in many respects. He inappropriately equates the natural sciences with historical science (rather than the other way around) and conflates two reasons or concepts for “unobservability” (certain entities or processes are not directly observable because they are not directly accessible, or because these entities and processes do not exist at all). The recourse to presumed “hidden causes” is merely an admission that the phenomena cannot currently be explained by known laws. Furthermore, it is shown that, despite some formal similarities, there are major differences between the retrodictions of historical theories and the genuine predictions of scientific theories. And Neukamm’s examples, which are intended to show that “how” and “wherefrom” questions coincide, are all unsuitable, since they involve mere regularities that are not comparable to one-time historical processes.