Zwei Kritiken am Design-Argument
Einführung und Zusammenfassung
Im Herbst 2011 erschien ein lesenswerter Sammelband mit 13 Beiträgen von 12 Autoren über Teleologie in der Biologie (Heilig & Kany 2011). In allen Beiträgen geht es in irgendeiner Weise um die Frage, ob und ggf. wie argumentiert werden kann, dass bei der Entstehung der Lebewesen Planung, Zielsetzung, Schöpfung im Spiel war. Alle diese Begriffe können mit dem Sammelbegriff „Teleologie“ zusammengefasst werden. Damit ist die Lehre von den Zwecken und von der Zielgerichtetheit von Vorgängen gemeint. Man kann auch von geistiger Verursachung sprechen.
Gibt es Zwecke in der Natur, die auf einen Zwecksetzer – einen Schöpfer – hinweisen? Kann man anhand von Merkmalen der Lebewesen auf geistige Verursachung schließen? Die Autoren des von Christoph Heilig und Jens Kany herausgegebenen Sammelbandes „Die Ursprungsfrage. Beiträge zum Status teleologischer Antwortversuche in der Naturwissenschaft“ geben auf diese und weitere Fragen rund um Design und Teleologie in der Biologie teilweise gegensätzliche Antworten. Zwei Beiträge daraus, die das Design-Argument in der Biologie für nicht stichhaltig erachten, werden hier kritisch beleuchtet.
Beitrag von Ch. Heilig. Der erste Beitrag, auf den in diesem Artikel eingegangen wird, stammt von einem der Herausgeber des Sammelbandes, Christoph Heilig. Folgendes Fazit wird gezogen: Das Design-Argument kann aufrechterhalten werden, auch wenn über den Designer keine spezifischen Angaben gemacht werden (können), außer dass er der mutmaßliche geistige Urheber des zu Erklärenden ist, womit etwas über seine geistigen Eigenschaft und die Untergrenze seiner Schöpferkraft impliziert ist. Denn es ist zu erwarten, dass es Indizien an mutmaßlich geistig verursachten (teleologischen) Objekten gibt, die bei nicht-geistiger Verursachung nicht erwartet werden können und fehlen. Dies kann untersucht werden und Design ist beim Vorliegen solcher Indizien die einzige bekannte Erklärung und solange konkurrenzlos, bis eine nicht-geistige Verursachung plausibel gemacht werden kann. Über die näheren Design-Umstände („Design-Hypothese“) muss nichts gesagt werden, auch wenn beispielsweise im Rahmen einer biblischen Theologie Design-Merkmale in der Schöpfung näher spezifiziert werden könnten. Es ist nicht gerechtfertigt, einem Design-Kennzeichen bei Lebewesen an sich argumentative Kraft pro Design abzusprechen. Die Indizien geistiger Verursachung gewinnen dennoch eher an Stärke, wenn die Tätigkeit des Designers konkreter spezifiziert wird („spezifisches Design“) und solche spezifischen Design-Indizien nachgewiesen werden können.
Gegenüber den Argumentationen in Junker (2010) sind zwei Präzisierungen und eine Korrektur vorzunehmen:
- Aufgrund des in der Einleitung zum anonymen Design (AD) Gesagten können auch ohne Spezifizierung des geistigen Urhebers bei Annahme von Design allgemeine Design-Merkmale des mutmaßlich geistig entworfenen Gegenstandes erwartet werden, nämlich Sachverhalte, die der Begriff der geistigen Verursachung ohnehin impliziert (geistige Wesen können Zwecke verfolgen, Überlegungen vornehmen, Gegenstände im Geiste konstruieren usw.).
- In der Argumentation für Design geht es in den relevanten Fällen nicht um einen (unvollständigen) Schluss auf die beste Erklärung unter zwei oder mehreren Konkurrenten, sondern es steht eine nachweislich mögliche Erklärung (geistige Verursachung) gegen (trotz langen und intensiven Bemühens) völlig unbekannteNaturprozesse, die dasselbe wie ein Designer leisten können sollen. Erst wenn die Erklärung durch geistige Verursachung nicht mehr konkurrenzlos ist, kann über „besser“ und „schlechter“ befunden werden.
Beitrag von M. Gutmann und W. Warnecke. Im letzten Beitrag des Sammelbandes „Die Ursprungsfrage“ von Heilig & Kany (2011) bestreiten Mathias Gutmann und Willem Warnecke, dass es Zwecke in der Natur gebe, die den Dingen innewohnend wären. Man finde in der Natur Zweckdienliches zwar in Hülle und Fülle, doch dabei gehe es nur um die Zwecke des die Natur betrachtenden Menschen selbst, der Zwecke den Naturgegenständen zuschreibt.
Die Entgegnung auf Gutmann & Warnecke wird wie folgt zusammengefasst: Die entscheidende Aufgabe, die auf Gutmann & Warnecke wartet, ist es, klar und ohne Umschweife zu beweisen, dass es keinen Naturdesigner gibt, und dass deshalb unsere tief verwurzelte Rede von den Naturzwecken generell verfehlt ist. Einen anderen Weg, der den üblichen Standards an Rationalität und Wissenschaftlichkeit genügen soll – nämlich einer wohlbegründeten Einlösung von Geltungsansprüchen –, gibt es nicht.
Gutmann & Warnecke sagen, dass es der Mensch ist, der Naturzwecke in die Naturbeschreibung hineinlegt und dass diese daher generell fehl am Platze sind. Sie liefern aber keinen Grund, warum wir diese Behauptung akzeptieren sollten. Zudem lassen sie die Frage offen, wieso dies der Mensch tut. Wo die Autoren sagen, es sei „pragmatisch“ oder „nützlich“, bedienen sie sich selbst der Zweckkategorie, um andernorts Zweckkategorien wegzudiskutieren. Denn man muss fragen „nützlich für was?“ Gibt es hier objektive Zwecke? Zwecke, die nicht wieder physikalistisch reduzierbar sind? Wenn ja, so ist ja zugestanden, dass intelligente Wesen sich prinzipiell handelnd der Natur zuwenden können. Wenn nicht, dann sollten sie sich umgehend einer physikalischen Sprache bedienen, um ihren Beweis, es gäbe keine Naturzwecke, zu führen.
Heilig C & Kany J (Hg, 2011) Die Ursprungsfrage. Beiträge zum Status teleologischer Antwortversuche in der Naturwissenschaft. Münster.Junker R (2010)
Spuren Gottes in der Schöpfung? Eine kritische Analyse von Design-Argumenten in der Biologie. Holzgerlingen. 2. Aufl.
Hinweis: Auf dem von Christoph Heilig betriebenen Blog http://ursprungsfragen.blogspot.com/ konnte über die Beiträge des Sammelbandes diskutiert werden. Der Blog ist nicht mehr online (Stand: 7.10.2019).
Introduction and Summary (via DeepL)
In the fall of 2011, a noteworthy anthology was published featuring 13 essays by 12 authors on teleology in biology (Heilig & Kany 2011). All of the essays address, in one way or another, the question of whether—and, if so, how—it can be argued that planning, goal-setting, and creation were at work in the origin of living beings. All of these concepts can be summarized under the umbrella term “teleology.” This refers to the doctrine of purposes and the goal-directedness of processes. One can also speak of intelligent causation.
Are there purposes in nature that point to a purpose-setter—a Creator? Can one infer intelligent causation based on the characteristics of living beings? The authors of the anthology “The Question of Origins: Contributions to the Status of Teleological Attempts at Answering Questions in the Natural Sciences,” edited by Christoph Heilig and Jens Kany, offer—in some cases contradictory—answers to these and other questions concerning design and teleology in biology. Two contributions from this volume, which consider the design argument in biology to be untenable, are critically examined here.
Article by Ch. Heilig. The first article discussed in this piece is by one of the volume’s editors, Christoph Heilig. The following conclusion is drawn: The design argument can be upheld even if no specific details about the designer are (or can be) provided, except that he is the presumed intellectual author of what is to be explained, which implies something about his intellectual characteristics and the lower limit of his creative power. For it is to be expected that there are indications of objects presumed to have been caused by an intelligent agent (teleological objects) that cannot be expected and are absent in the case of non-intelligent causation. This can be investigated, and in the presence of such indications, design is the only known explanation and remains unrivaled until a non-intelligent cause can be made plausible. Nothing needs to be said about the specific circumstances of design (“design hypothesis”), even though, for example, design features in creation could be specified in greater detail within the framework of biblical theology. It is not justified to deny that a design feature in living beings in and of itself carries argumentative weight in favor of design. Nevertheless, the evidence for intelligent causation tends to gain strength when the designer’s activity is specified more concretely (“specific design”) and such specific design indicators can be demonstrated.
Two clarifications and one correction must be made regarding the arguments in Junker (2010):
- Based on what was stated in the introduction to the anonymous design (AD), general design features of the object presumed to have been designed by an intelligent agent can be expected even without specifying the intelligent agent, provided that design is assumed—namely, characteristics that the concept of intelligent causation implies in any case (intelligent beings can pursue purposes, engage in deliberation, construct objects in the mind, etc.).
- In the argument for design, the relevant cases do not involve an (incomplete) inference to the best explanation among two or more competing explanations; rather, a demonstrably possible explanation (intelligent causation) stands in contrast to (despite long and intensive efforts) completely unknown natural processes that are supposed to be capable of achieving the same results as a designer. Only when the explanation by intelligent causation is no longer uncontested can a judgment be made about “better” and “worse.”
Article by M. Gutmann and W. Warnecke. In the final contribution to the anthology *Die Ursprungsfrage* by Heilig & Kany (2011), Mathias Gutmann and Willem Warnecke dispute the existence of purposes in nature that are inherent in things. While one may find an abundance of purposeful elements in nature, they argue, these are merely the purposes of the human observer of nature, who attributes such purposes to natural objects.
The rebuttal to Gutmann & Warnecke is summarized as follows: The crucial task facing Gutmann & Warnecke is to prove, clearly and without beating around the bush, that there is no designer of nature, and that therefore our deeply ingrained talk of natural purposes is generally misguided. There is no other way that would meet the usual standards of rationality and scientific rigor—namely, a well-founded justification of claims to validity.
Gutmann & Warnecke argue that it is humans who introduce natural purposes into descriptions of nature and that these are therefore generally out of place. However, they provide no reason why we should accept this claim. Furthermore, they leave open the question of why humans do this. When the authors say it is “pragmatic” or “useful,” they themselves resort to the category of purpose in order to dismiss categories of purpose elsewhere. For one must ask, “useful for what?” Are there objective purposes here? Purposes that cannot, in turn, be reduced to physicalism? If so, then it must be conceded that intelligent beings can, in principle, orient their actions toward nature. If not, then they should immediately resort to a physical language to provide their proof that there are no natural purposes.