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Fingerknochenstruktur bestätigt „Homo“ naledi als Großaffen


Artikel als PDF-Datei (28 Seiten, 4492 KB, Stand: 07.12.2025)

Schlüsse auf spezifische Handfunktionen bei Homininen kritisch betrachtet

 

Kompakt

In der Erforschung zum Ursprung des Menschen spielen bei Evolutionshypothesen Handknochen und die von ihnen abgeleiteten Handfunktionen eine wichtige Rolle. Dabei geht es um die Frage, inwieweit die Handknochen Hinweise auf die Fähigkeit zur Nutzung und Herstellung von Werkzeugen bzw. Fortbewegung liefern.

Syeda et al. (2025) haben an den Grund- und Mittelgliedern der Finger von „Homo“ naledi ein einmaliges Muster der Kortikalisdickenverteilung nachgewiesen. In Verbindung mit äußeren Knochenmerkmalen der Fingerglieder schließen Syeda et al. (2025) bei „Homo“ naledi auf einen häufigeren Einsatz der Hände bei der Fortbewegung mit Crimp-Griffen und auf eine menschenähnliche Manipulationsfähigkeit des Daumens.

Der Schluss auf einen allgemein häufigeren Einsatz der Hände von „Homo“ naledi bei der Fortbewegung ist von der Datenlage her gut begründet. Die Annahme von Crimp-Griffen bzw. von einer menschenähnlichen Manipulationsfähigkeit des Daumens ist jedoch als hochgradig spekulativ anzusehen. Trotz fehlender Datenlage ist es aber heute fast paläoanthropologischer Konsens, von Knochenmerkmalen auf Weichteilstrukturen und davon abgeleitet auf spezifische Funktionen der Hand früher Homininen zu schließen.

Dennoch bleibt es dabei: Von den Knochenmerkmalen kann nicht sicher auf die Muskeln und Bänder und von diesen auf die Funktion der Hand geschlossen werden. Dieser Sachverhalt zeigt sich konkret an zahlreichen Befunden wie beispielsweise der fehlenden Möglichkeit, von einem Sehnenansatz am Daumenendglied auf die Ausbildung eines M. flexor pollicis longus oder von der Knochenstruktur der Fingermittelglieder auf den Ansatz und die Stärke des M. flexor digitorum superficialis zu schließen. Auch die funktionell wichtige anatomische Kopplung von Muskeln oder die Tatsache, dass bei Mensch und Zwergschimpanse homologe Muskeln eine entgegengesetzte Funktion ausüben, sind von den Handknochenmerkmalen nicht abzuleiten.

Oberhalb der Ebene der muskulären und Bandstrukturen und der davon abgeleiteten Einzelfunktionen, die von den Knochenmerkmalen her kaum identifizierbar sind, gibt es beim Menschen noch eine funktionelle Ebene mit hierarchischer Koordination der Fingerbewegungen und einem davon unabhängigen Daumen. Dieser funktionalen Ebene liegen zwar bestimmte muskuläre und Sehnenbandstrukturen zugrunde, sie kann aber von diesen nicht unmittelbar abgeleitet werden. Solch eine höhere funktionale Ebene dürfte auch bei den Affen existieren – müsste aber erst noch erforscht werden.

Zusätzlich zu den Knochen- und Weichteilstrukturen ist für einen erfolgreichen Einsatz der Hand auch ein entsprechend konstruiertes Nervensystem erforderlich. Bei Spekulationen über eine evolutionäre Entstehung der morphologischen Strukturen der Hand wird diese unabdingbare Voraussetzung in der Regel ausgeblendet.

Aber auch wenn die Anatomie aller Gewebestrukturen einschließlich des Nervensystems bekannt ist, kann die vollständige Funktion der Hand von diesen allein nicht erschlossen werden. Dazu sind immer Untersuchungen an lebenden Organismen erforderlich.

 

Abstract in English (via DeepL): Finger bone structure confirms “Homo” naledi as a great ape. Critical examination of conclusions about specific hand functions in hominins

In research into the origins of humans, hand bones and the hand functions derived from them play an important role in evolutionary hypotheses. The question is to what extent hand bones provide evidence of the ability to use and manufacture tools or move around.

Syeda et al. (2025) have identified a unique pattern of cortical thickness distribution in the base and middle phalanges of the fingers of “Homo” naledi. In conjunction with external bone characteristics of the finger phalanges, Syeda et al. (2025) conclude that Homo naledi used their hands more frequently for locomotion with crimp grips and had a human-like manipulative ability of the thumb.

The conclusion that “Homo” naledi used their hands more frequently for locomotion is well supported by the available data. However, the assumption of crimp grips or human-like manipulation ability of the thumb must be considered highly speculative. Despite the lack of data, it is now almost a paleoanthropological consensus to infer soft tissue structures from bone characteristics and, from these, to infer specific functions of the hand of early hominins.

Nevertheless, the fact remains that bone characteristics cannot be used to draw reliable conclusions about muscles and ligaments, and these in turn cannot be used to infer the function of the hand. This fact is clearly demonstrated by numerous findings, such as the inability to infer the formation of the flexor pollicis longus muscle from a tendon attachment on the distal phalanx of the thumb, or the attachment and strength of the flexor digitorum superficialis muscle from the bone structure of the middle phalanges. The functionally important anatomical coupling of muscles or the fact that homologous muscles perform opposite functions in humans and bonobos cannot be deduced from the characteristics of the hand bones.

Above the level of muscular and ligament structures and the individual functions derived from them, which are hardly identifiable from bone characteristics, there is another functional level in humans with hierarchical coordination of finger movements and a thumb that is independent of this. Although this functional level is based on certain muscular and tendon ligament structures, it cannot be directly derived from them. Such a higher functional level may also exist in monkeys, but this has yet to be researched.

In addition to the bone and soft tissue structures, a correspondingly constructed nervous system is also necessary for the successful use of the hand. When speculating about the evolutionary development of the morphological structures of the hand, this indispensable prerequisite is usually ignored.

But even if the anatomy of all tissue structures, including the nervous system, is known, the complete function of the hand cannot be deduced from these alone. This always requires studies on living organisms.

 

Inhalt

1. Einleitung

2. Knochenstruktur und Handfunktion von „Homo“ naledi

   Analyse der Kortikalisverteilung nach Syeda et al. (2025)

   Handeinsatz bei Fortbewegung schließt naledi aus der Gattung Homo aus

   Spezifische Handfunktionen von naledi nach Syeda et al. (2025)

   Menschenähnliche Daumenmanipulation und Crimp-Griffe?

      Kortikalisdickenmuster näher betrachtet

      Keine Korrelationen zwischen Knochenmerkmalen und spezifischen

      Handfunktionen

      Spezifische funktionale Schlüsse nach Daten von Syeda et al. (2025) fragwürdig

      Daumen mit menschenähnlicher Manipulationsfähigkeit?

      Felsklettern von „Homo“ naledi?

3. Problematik von Schlüssen von Knochenmerkmalen auf Muskeln und Handfunktionen

   Grundsätzliche Infragestellung durch Zwergschimpansen

   Daumenendphalanx und M. flexor pollicis longus

   Mittelphalangen und M. flexor digitorum superficialis

      Knochenstruktur der Mittelphalangen variabel

      Variabilität bei Primaten näher betrachtet

      Lokalisation und Stärke der M. flexor digitorum superficialis-Sehne  nicht bestimmbar

      Mediane Knochenstrebe und „Homo“ naledi

   Variable Ausbildung des M. flexor pollicis longus knöchern nicht ableitbar

   Homologe Muskeln mit verschiedener Funktion bei Pan und  Homo sapiens

   Muskeln an fossiler Homininen-Hand kaum bestimmbar

   Hierarchisch-koordinierte Fingerbewegungen beim Menschen

      Hierarchische Struktur der Koordination der Fingergelenke

      Unabhängige Daumenfunktion

      Stark koordinierte Bewegungen der PIP- und DIP-Gelenke der Finger

      MCP-Gelenke unabhängiger als PIP- und DIP-Gelenke der Finger       

      Zeigefinger mit weniger koordinierten Bewegungen als Mittel-, Ring- und Kleinfinger

      DIP-Gelenke weniger koordiniert als PIP-Gelenke von Mittel-, Ring- und Kleinfinger

      Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

   Sind Schlüsse auf spezifische Greiffunktionen bei fossilen Homininen  begründet? 23

   Allgemeine Schlüsse zur Fortbewegung möglich

4. Ergebnisse und Schlussfolgerungen

Danksagung

Literatur