Testfall für die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift: Die biblische Urgeschichte
Inhalt
Problemstellung
Biblische Urgeschichte
Die biblische Urgeschichte – wirkliche Geschichte
Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte: Nur einige Jahrtausende
Fazit
Bezugnahmen im NT auf Ereignisse der biblischen Urgeschichte
Jesu Aussagen über das erste Menschenpaar
Jesus Christus im Zentrum: Christologie und Soteriologie
Das Seufzen der Schöpfung
Der Ursprung des Menschen in einem evolutiven Szenario
Sünde als Begleiterscheinung eines evolutiven Werdeprozesses
Fazit: Die Bedeutung der biblischen Urgeschichte für die Anthropologie und Soteriologie
Historisches Verständnis und existenzielle Bedeutung
Biblische Urgeschichte und Naturwissenschaft
Schöpfungsindizien
Das erste Menschenpaar
Erdgeschichte
Vom Umgang mit ungelösten Fragen
Fazit
Literatur
Problemstellung
Etwa 2/3 der Bibel sind Texte zur Geschichte, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Es wird darüber berichtet, wie Gott an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten mit einzelnen Menschen, mit dem Volk Israel oder mit der ganzen Menschheit gehandelt hat. Sowohl am Anfang (1Mose 1–11, sog. biblische Urgeschichte) als auch am Ende (Buch Offenbarung, Endzeitreden Jesu) sind die gesamte Menschheit und die Erde als Ganzes im Blick. Dazwischen verengt sich der Fokus weitgehend auf das Volk Israel, auf das Kommen und Wirken des Gottessohnes und die ersten Schritte der Gemeinde Jesu.
Es ist ein besonderes Kennzeichen der biblischen Offenbarung, dass das, was über Gott berichtet wird, angefangen mit der Schöpfung, mit Ereignissen gekoppelt ist, die in der Geschichte der Menschheit passiert sind – derselben Geschichte, die Historiker, Archäologen und Naturwissenschaftler erforschen. Daraus folgt: Es gibt ein gemeinsames Feld, auf dem Bibel und Wissenschaften verschiedener Disziplinen „spielen“. Auch wenn die biblischen Autoren natürlich nicht in erster Linie Aussagen in wissenschaftlicher Form treffen, berichten sie doch über Geschehnisse, die sich tatsächlich zugetragen und daher Spuren hinterlassen haben (oder hinterlassen haben könnten), die man mit wissenschaftlichen Methoden suchen und ggf. untersuchen kann: Historiker untersuchen schriftliche Quellen, Archäologen Artefakte, Astronomen Sterne und Planeten, Geowissenschaftler Gesteine und Biologen die Lebewesen.
Die biblischen Schilderungen können daher mit historischen und naturkundlichen Daten abgeglichen werden können. Sie sind nachprüfbar, aber damit auch angreifbar. Die Nachprüfbarkeit war den biblischen Autoren wichtig; sie legten Wert auf die Feststellung, dass sich die Dinge wirklich so zugetragen haben, wie sie es berichten (Lk 1,1–4; 1Kor 15,3–6), oder stellten fest, dass sie nicht „klugen Fabeln gefolgt“ sind (2Petr 1,16). Sie machen genaue Zeit- und Ortsangaben. Beim bibelbasierten Glauben geht es nicht um menschliche Erfahrungen, die subjektiv und nicht weiter überprüfbar sind. Es gibt eine überprüfbare Seite des christlichen Glaubens, auch wenn christlicher Glaube natürlich entscheidend mehr ist als das Für-Wahr-Halten von Tatsachen. Darin liegt eine Stärke des christlichen Glaubens: Er fußt auf nachprüfbaren Tatsachen.
Auf der anderen Seite kann der christliche Glaube aufgrund dieser Verzahnung angegriffen und als unglaubwürdig oder gar als widerlegt hingestellt werden. Das wurde und wird auch reichlich gemacht. Wer kennt nicht die Behauptungen, dass die Evolutionslehre einen Schöpfer überflüssig gemacht habe, dass die Sintflut geologisch nicht nachweisbar oder sogar unmöglich sei, dass die Archäologie keine Spuren von den Erzvätern entdeckt habe, dass Jericho in Wirklichkeit nie unter dem Posaunenschall gefallen sei oder dass die Schilderungen über Salomos Reichtum reichlich übertrieben seien und vieles andere.
Biblische Urgeschichte
Insbesondere die biblische Urgeschichte, die in 1Mose 1–11 geschildert wird, wird als tatsächlich geschehene Ereignisse in Frage gestellt. Tatsächlich kann die Bedeutung dieses Anfangsteil der Bibel kaum überschätzt werden, geht es doch um nichts Geringeres als um eine Art „Grundgesetz“ der Menschheit. Hier wird erklärt, weshalb die Welt, in der wir leben, so ist, wie sie ist. Sie ist von Gott geschaffen, der Mensch als Mann und Frau zum Bilde Gottes, aber infolge der Sünde des Menschen ist die ganze Erde „verdorben“ und durch Tod und Leid gezeichnet; durch ein göttliches Gericht über die überbordende Bosheit der Menschen – die Sintflut – wurde die ganze Erde ein zweites Mal in Mitleidenschaft gezogen. Wir leben in der Zeit post laspum und post diluvium. Hier geht es um sehr Grundsätzliches über das Wesen Gottes und die Befindlichkeit und Situation des Menschen. Es ist nicht überraschend, dass gerade diese Anfangsgeschichte massiv in Frage gestellt und nicht selten lächerlich gemacht wird. Das aber hat schwerwiegende Folgen für das Selbstverständnis des Menschen.
Mit dem Siegeszug der Abstammungslehre im Gefolge von Charles Darwins epochemachendem Werk „Über die Entstehung der Arten“ (1859) schien ein souverän durch sein Wort erschaffender Schöpfer überflüssig geworden zu sein. Dazu gesellten sich Entwicklungen in den Geowissenschaften: Die Geschichte der Erde wurde zunehmend als eine Geschichte immenser Zeiträume interpretiert, in denen geologische Prozesse in der Regel langsam und nicht durch große Katastrophen verlaufen. Für eine Sintflut war nur noch Platz als ein Lokalereignis im Nahen Osten, nicht als weltumspannendes göttliches Gericht.
In der zeitgenössischen Theologie wird schon lange davon ausgegangen, dass die biblische Urgeschichte keine wirklichen Ereignisse zum Inhalt hat, und es wird in Frage gestellt, dass die biblischen Texte überhaupt ein historisches Interesse hätten. Die biblische Urgeschichte erzähle nicht, was einmal geschah, sondern was immer der Fall sei. Ein Konflikt mit wissenschaftlichen Theorien sei daher gar nicht gegeben.
Im Folgenden soll zunächst gezeigt werden, dass die Begründung für eine solche Auffassung nicht den biblischen Texten entnommen werden kann. Vielmehr passt die Vorstellung (direkte Schöpfung durch das Wort Gottes, ein fundamentaler Bruch in der Menschheitsgeschichte, globale Sintflut) nicht in gegenwärtig herrschende weltanschauliche Vorstellungen. Nach dem Selbstzeugnis der Heiligen Schrift wollen die ersten elf Kapitel jedoch tatsächliche Geschehnisse schildern (Kapitel 2). Dies wird unterstützt durch die Art und Weise, wie und in welchen Zusammenhängen die Autoren des Neuen Testaments darauf Bezug nehmen. Dies ist Thema des dritten Kapitels.
Anschließend wechseln wir ins Feld der Naturwissenschaft und widmen uns der Frage, inwiefern naturwissenschaftliche Ergebnisse die Historizität der biblischen Urgeschichte unterstützen und wo es offene Fragen und Schwierigkeiten gibt (Kapitel 4).
Problem Statement (via DeepL)
About two-thirds of the Bible consists of historical texts, found in both the Old and New Testaments. These texts recount how God acted toward individual people, the people of Israel, or all of humanity at specific times and in specific places. Both at the beginning (Genesis 1–11, known as biblical prehistory) and at the end (the Book of Revelation, Jesus’ eschatological teachings), the focus is on all of humanity and the earth as a whole. In between, the focus narrows largely to the people of Israel, to the coming and ministry of the Son of God, and to the early days of the church of Jesus.
A distinctive feature of biblical revelation is that what is reported about God—beginning with creation—is linked to events that have occurred in human history—the very history that historians, archaeologists, and natural scientists study. It follows, then, that there is a common ground on which the Bible and various scientific disciplines “operate.” Even though the biblical authors do not, of course, primarily make statements in a scientific form, they do report on events that actually took place and therefore have left (or could have left) traces that can be sought out and, if necessary, examined using scientific methods: Historians examine written sources, archaeologists examine artifacts, astronomers study stars and planets, geoscientists analyze rocks, and biologists study living organisms.
The biblical accounts can therefore be compared with historical and natural history data. They are verifiable, but that also makes them open to criticism. Verifiability was important to the biblical authors; they emphasized that events truly occurred as they reported them (Luke 1:1–4; 1 Corinthians 15:3–6), or stated that they did not “follow clever myths” (2 Peter 1:16). They provide precise details of time and place. Bible-based faith is not about human experiences that are subjective and cannot be further verified. There is a verifiable aspect to the Christian faith, even though Christian faith is, of course, far more than simply holding facts to be true. This is one of the strengths of the Christian faith: it is grounded in verifiable facts.
On the other hand, because of this interconnection, the Christian faith can be attacked and portrayed as implausible or even as having been disproved. This has been—and continues to be—done extensively. Who isn’t familiar with the claims that the theory of evolution has rendered a Creator superfluous, that the Flood is geologically unverifiable or even impossible, that archaeology has found no traces of the patriarchs, that Jericho never actually fell to the sound of trumpets, or that the accounts of Solomon’s wealth are greatly exaggerated—and many other such claims.
Biblical Prehistory (via DeepL)
In particular, biblical prehistory, as described in Genesis 1–11, is questioned as to whether the events actually took place. In fact, the significance of this opening section of the Bible can hardly be overestimated, for it concerns nothing less than a kind of “constitution” for humanity. Here it is explained why the world in which we live is the way it is. It was created by God, who made humankind—man and woman—in God’s image; but as a result of human sin, the entire earth has been “corrupted” and marked by death and suffering; through divine judgment on humanity’s rampant wickedness—the Flood—the entire earth was affected a second time. We live in the era post laspum and post diluvium. This touches on very fundamental aspects of the nature of God and the condition and situation of humankind. It is not surprising that this very account of creation is heavily questioned and, not infrequently, ridiculed. Yet this has serious consequences for humanity’s self-understanding.
With the triumph of the theory of evolution in the wake of Charles Darwin’s epoch-making work *On the Origin of Species* (1859), a Creator who sovereignly brought all things into being through His word seemed to have become superfluous. This was accompanied by developments in the geosciences: the history of the Earth came to be increasingly interpreted as a history of immense time spans, in which geological processes generally proceed slowly and are not driven by major catastrophes. There was room for a Flood only as a local event in the Middle East, not as a global divine judgment.
Contemporary theology has long assumed that biblical primeval history does not recount actual events, and it is questioned whether the biblical texts have any historical significance at all. Biblical primeval history, it is argued, does not describe what once happened, but rather what is always the case. Therefore, there is said to be no conflict with scientific theories.
In what follows, we will first demonstrate that the justification for such a view cannot be derived from the biblical texts. Rather, the concept—direct creation through the Word of God, a fundamental break in human history, a global flood—does not fit into currently prevailing worldviews. According to the testimony of Scripture itself, however, the first eleven chapters are intended to describe actual events (Chapter 2). This is supported by the manner in which and the contexts in which the New Testament authors refer to them. This is the subject of the third chapter.
We then turn to the field of natural science and examine the extent to which scientific findings support the historicity of biblical prehistory, as well as where open questions and difficulties remain (Chapter 4).