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Richard Dawkins: „Die Schöpfungslüge“

Eine kritische Rezension des Kapitels über die Evolution des Menschen im Buch von Richard Dawkins
Ullstein Taschenbuch, Richard Dawkins (2015) Die Schöpfungslüge: Warum Darwin recht hat. 5. Aufl. Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian Vogel.


Nachfolgend eine Rezension von B. Scholl:

Einleitung

Der bekannte missionarisch-aktive Atheist Richard Dawkins verfasste das Buch „Die Schöpfungslüge“ mit dem Untertitel „Warum Darwin recht hat“ (hier besprochen wird die 5. Auflage 2015). Titel und Untertitel zeigen deutlich, dass Dawkins davon überzeugt ist, dass erstens alles, was Christen über Schöpfung glauben und erzählen, eine Lüge ist, und er dies zweitens anhand von Darwins Argumenten zur Evolutionstheorie schlüssig nachweisen kann.

Dawkins widmet dem Thema „Evolution des Menschen“ ein Kapitel von 28 Seiten (S. 208-236). Der Titel, der zugleich seine Hauptaussage darstellt, lautet: „Fehlende Menschen? Sie fehlen nicht mehr.“ Im Folgenden soll untersucht werden, welche sachlichen Argumente der bekannte Autor für die Behauptung vorbringt, dass wir mittlerweile die entsprechenden „Bindeglieder“ zwischen Affe und Mensch gefunden haben.

Der Autor beginnt das Kapitel mit Charles Darwins berühmtem Zitat: „Licht wird auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte geworfen werden.“ Dann erklärt Dawkins, man habe zurzeit von Darwin noch keine Fossilien als evolutionäre Verbindungen zwischen Menschen und Menschenaffen gefunden (S. 208). Um zu zeigen, dass genau dies mittlerweile aber der Fall ist, bedient sich Dawkins der folgenden Argumentationsstränge, die nun kurz vorgestellt und dann kritisch hinterfragt werden sollen.

Dawkins‘ Argumente

I. „Übergangsformen gibt es in Hülle und Fülle“

Um zu zeigen, dass es Übergangsformen in „Hülle und Fülle“ (S. 225) gibt, beginnt der Autor mit Unterscheidungsmerkmalen zwischen Schimpanse und Mensch. Er behauptet, dass die beiden einen gemeinsamen Vorfahren gehabt haben müssten: Dieser Vorfahr soll dem Schimpansen stärker geähnelt haben als uns, und zwar soll er:

  1. kein großes Gehirn gehabt haben,
  2. vermutlich nicht aufrecht gegangen sein,
  3. stärker behaart gewesen sein und
  4. keine Sprache gehabt haben.

Fossile Nachweise für Übergangsformen soll man laut Dawkins daran erkennen können, dass

Richard Dawkins, der Autor von „Die Schöpfungslüge“. (Bild: David Shankbone, CC BY 3.0)

fossile Schädel ein größeres Gehirn als das der Schimpansen gehabt haben und dass sie ein nach unten weisendes Foramen magnum (die Öffnung für Rückenmark im Schädel) als Nachweis für den aufrechten Gang besitzen.

Aus diesen beiden Merkmalen (die um viele weitere Vergleichsmerkmale ergänzt werden könnten) kann man nach Dawkins nun drei Typen von „Bindegliedern“ ableiten: Erstens entweder eine fossile Zwischenform mit mittelgroßem Gehirn und watschelndem Gang oder zweitens eine Form mit kleinem Gehirn mit aufrechtem Gang oder drittens eine Form mit einem großen Gehirn und vierbeinigem Gang. Eine solche Zwischenform müsste man fossil im Zeitraum nach der molekulargenetisch bestimmten Trennung von Schimpanse und Mensch innerhalb der letzten 6 Millionen radiodatierten Jahre (MrJ) suchen (S. 212-215).

Nun widmet sich Dawkins den Fossilfunden. Diese werden hier nach datiertem Alter angegeben:

  1. Frühe möglicherweise aufrecht gehende Formen: Ardipithecus (4-5 MrJ), Orrorin und Sahelanthropus (beide ca. 6 MrJ) (S. 231f).
  2. Das „Bindeglied“ Australopithecus (z. B. afarensis) als „aufrecht gehender Schimpanse“ lebte vor ca. 3 MrJ mit „vermutlich“ aufrechtem Gang auf dem Erdboden und „vermutlich“ geschicktem Klettern, aber schimpansengroßem Gehirn mit 400 cm³ (S. 214-225).
  3. Das „Bindeglied“ zwischen Australopithecus und Homo sapiens: Homo habilis rudolfensis mit einem Alter von ca. 1,9 MrJ, mit einem größeren Gehirnvolumen von 600 cm³ und weniger weit nach vorne stehendem Gesichtsschädel (eine Ausnahme bildet der Schädel „Twiggy“, dessen Mundpartie eher an Australopithecus erinnert, so dass manche Anthropologen Twiggy Australopithecus zuordnen) (S. 219-225).
  4. Homo erectus ergaster und auch georgicus vor ca. 1,8 MrJ mit einem durchschnittlichen Gehirnvolumen von ca. 900-1000 cm³ und menschlicher Größe (S. 209-224).
  5. Nicht näher von Dawkins spezifizierte Übergangsformen wie Homo heidelbergensis, neanderthalensis und weitere (S. 225).
  6. Der moderne Mensch Homo sapiens mit ca. 1300-1400 cm³ Gehirnvolumen (S. 224f).

Schädel aus in einer Evolutionsreihe, wie sie sich Dawkins vorstellt: Australopithecus, Homo habilis und rudolfensis, Homo erectus und Homo sapiens. Ausschnitte von Hawks et al. 2017. (eLife 6, doi:10.7554/eLife.24232., CC BY 4.0)

Um es zusammenzufassen: Anhand des aufrechten Ganges, der sich ab Australopithecus entwickelt haben soll, und des nun einsetzenden Hirnwachstums bei Homo habilis und rudolfensis sind laut Dawkins genügend Übergangsformen für die menschliche Evolution nachgewiesen.

II. „Wie gehen Geschichtsleugner mit diesen Belegen um?“

Wer das nicht akzeptiert ist für Dawkins ein „Geschichtsleugner“   denn so nennt er Kreationisten häufig. Dawkins berichtet dann auf den Seiten 225-230 von einer Diskussion, die er mit einer Kreationistin geführt hatte. Diese Kreationistin sei in der Diskussion leider nicht auf Dawkins‘ Nennung dieser Fossilfunde als Übergangsformen eingegangen. Für Dawkins scheint dies ein Argument gegen den Kreationismus zu sein. Nun ist es zwar schade, dass ihm (anscheinend) damals keine Gegenargumente genannt wurden, aber das an sich ist kein inhaltliches Argument. Diese einzelne Episode über eine von Dawkins geführte Diskussion soll aber offenbar suggerieren, dass Kreationisten überhaupt keine Gegenargumente zu seinen Belegen hätten.

III. Die Frage der Zuordnung von Fossilien zu Arten ist „zutiefst […] sinnlos“

Dawkins nimmt neben den von ihm aufgeführten Fossilien einen weiteren Gedankenstrang auf, mit dem er belegen möchte, dass der Streit unter Anthropologen über die korrekte Art-Zuordnung von Fossilien völlig „sinnlos“ sei (S. 219-232). Vermutlich wehrt er sich hier gegen Argumente, wonach die unklare Zuordnung vieler Fossilfunde dagegen spreche, dass wir Übergangsformen gefunden haben, die man klar in eine menschliche Evolutionsreihe einordnen kann.

Dabei argumentiert Dawkins folgendermaßen:

  1. Bereits Charles Darwin ging selbst von einer Reihe von Übergangsformen von affenähnlichen Wesen zum Menschen aus, wobei es keinen Punkt gäbe, ab dem man sinnvollerweise von „Mensch“ sprechen kann (S. 223).
  2. Alle Individuen von schimpansenähnlichen Vorfahren bis zum Menschen bilden also eine Abstammungslinie, wo ein Individuum an der Artgrenze gestanden haben muss (S. 219).
  3. Wenn wir das Kontinuum dieser Vorfahrenlinie als Fossilien hätten, könnten wir Arten und Gattungen nicht mehr unterschiedlich benennen, „oder zumindest wäre dies sehr problematisch“. Damit ist für Dawkins die Frage nach der Artzuordnung einzelner Fossilien „zutiefst und auf eine interessante Weise sinnlos“ (S. 221).
  4. Auch die idealste Zwischenform würde also entweder in die Schublade Australopithecus oder Homo gesteckt werden. Wahrscheinlich würde sie laut Dawkins von der einen Hälfte der Paläontologen als Homo und von der anderen als Australopithecus bezeichnet werden. Ebenso könne man ja auch Jugendliche an sich nicht klassifizieren, weil sie entweder minderjährig oder volljährig seien (S. 231f).

Populäre Darstellung der menschlichen Entwicklungsreihe. (Bild: Gemeinfrei)

Damit deutet Dawkins also den Meinungsdisput zwischen Paläontologen über den korrekten menschlichen Stammbaum der fossilen Homininen zu seinen Gunsten um und macht sozusagen aus der Not eine Tugend: Gute Übergangsformen sind gar nicht zuzuordnen und nur das befördert diesen Streit über ihre Zuordnung.

Gegenargumente

Gegen Dawkins‘ Thesen ließe sich eine Reihe an Gegenargumenten formulieren, wie sie zum Beispiel in Michael Brandts Buch „Frühe Homininen“ (2017) dargelegt sind. Dies würde aber den vorliegenden Rahmen sprengen. Vielmehr sollen hier nur einige Gegenargumente gegen die von ihm in der „Schöpfungslüge“ vorgebrachte Sichtweise auf die Evolution des Menschen formuliert werden, die Dawkins selbst andeutet:

  1. Dawkins gibt zu, dass zwei seiner vier Kriterien zur Identifikation von menschlichen Vorfahren, nämlich Körperbehaarung und Sprache, „keine Fossilien bilden“ (S. 213). Somit sind diese beiden Merkmale fossil nicht nachweisbar und argumentativ nicht verwendbar. Dass er seine Argumentation hingegen beinahe ausschließlich auf die Gehirngröße (ohne Beachtung der Hirnstruktur) und den aufrechtem Gang gründet (den er weder definiert noch kritisch anhand von Kriterien überprüft), ist äußerst dürftig. Alleine die Tatsache, dass manche Affen zeitweise aufrecht auf Ästen kletterten oder auf dem Boden liefen und andere ein etwas größeres Gehirn hatten, ist nämlich noch kein unumstößlicher Beweis von Übergangsformen. Andersherum kann die Tatsache, dass frühe Menschen wie Homo erectus ein kleineres Gehirn hatten, zwar als Hinweis für eine Zwischenform gewertet werden, ist aber ebenfalls für sich genommen kein Beleg – insbesondere wenn der Rest des Skelettes nicht verglichen und wenn die Variationsbreite von Gehirngrößen innerhalb des Menschen nicht in Rechnung gestellt wurde.
  2. Richard Dawkins gibt zu, dass die asiatischen Homo erectus-Funde „dem modernen Menschen recht nahe stehen“ (S. 212). Da stellt sich die Frage, wieso sie dann, abgesehen von der Gehirngröße, ein gutes Bindeglied sind. Es zeigt jedenfalls, dass solche Einstufungen wie „affen- oder menschenähnlich“ stets auf konkreten Körperbaukriterien gründen müssen. Davon liefert Richard Dawkins wie erwähnt jedoch erstaunlich wenige.
  3. Dawkins weiß eindeutig um die Schwierigkeiten in der Paläontologie – zum Beispiel
  • wie schwer die Rekonstruktion bei fragmentierten Funden ist (S. 215),
  • wie schwierig die korrekte Geschlechtszuordnung sein kann (S. 217),
  • wie unklar die Zuordnung eines aufrechten Gangs bei einem Fossil oder einer Art sein kann (S. 232f),
  • wie problematisch die Einordnung mancher Merkmale (z.B. nach vorne ragende Mundpartie und Überaugenwulst) bei unterschiedlichen Arten ist, weil sich diese Merkmale in der Altersentwicklung des gleichen Individuums stärker unterscheiden als zwischen Arten. So sieht beispielsweise ein junger Schimpanse deutlich menschlicher aus als ein erwachsener Schimpanse (S. 233-236).
  • Er kennt das Problem, dass „die Verbindung zwischen aufrecht gehenden Affen Australopithecus und dem (vermutlich) vierbeinigen Vorfahren, den wir mit den Schimpansen gemeinsam haben, bisher nur schlecht durch Fossilfunde belegt ist“ (S. 233).
  • Er kennt die extreme Rivalität zwischen Paläontologen und ihren taxonomischen Einteilungen, die diese fast mit „Handgreiflichkeiten“ ausführen (S. 231), insbesondere dann, wenn der Wert ihres eigenen Fundes als Bindeglied durch ein anderes Bindeglied in Frage gestellt wird (S. 210, 233).

Im Grunde beurteilt Dawkins den Wissenschaftszweig der Paläontologie samt seiner Protagonisten extrem hart. Gleichzeitig will er ihre Ergebnisse jedoch ziemlich unkritisch als vertrauenswürde Belege verwenden. Das klingt nicht sehr konsistent und logisch.

Fazit

Der Schreibstil des Autors ist einerseits sehr anschaulich und unterhaltsam, auch bissig, und Dawkins bezieht klare Position. Andererseits liefert der Autor inhaltlich äußerst wenige und vor allem kaum konkrete Argumente für eine Abstammung des Menschen von schimpansenähnlichen Vorfahren. Dies ist angesichts des Titels „Schöpfungslüge: Warum Darwin recht hat“ ziemlich enttäuschend, da der Leser bei diesem Titel erwarten kann, handfeste Beweise zu bekommen, warum der Glaube an einen Schöpfer des Menschen nicht nur unwahrscheinlich, sondern auch noch absichtlich erlogen ist.

Im Grunde hat Dawkins für seine These, dass es Übergangsformen vom Affen zum Menschen in Hülle und Fülle gäbe, keinen schlüssigen Nachweis geliefert. Er stellt lediglich die wichtigsten Fossilfunde, die allgemein als potentielle Vorfahren des Menschen diskutiert werden, ganz knapp anhand ihrer Gehirngrößen vor. Nicht einmal auf den aufrechten Gang (ob er menschenähnlich und tatsächlich gewohnheitsmäßig war – was unter Paläoanthropologen sehr umstritten ist) geht er stringent oder auch nur morphologisch (in Bezug auf den Körperbau) ein, sondern stellt ihn einfach nur als bei affenähnlichen Lebewesen wie Australopithecus unkritisch als vorhanden dar.

Dawkins wirft Kreationisten vor, seine Argumente nicht zu hören. Diese Behauptung kann zum Beispiel die Lektüre des wissenschaftlich äußerst gewissenhaften Werkes „Frühe Homininen“ von Michael Brandt oder von englischsprachiger kritischer Literatur (z. B. Gauger et al. 2012) deutlich widerlegen. Es ist daher fraglich, wie sehr sich Dawkins tatsächlich mit Publikationen aus der Schöpfungsforschung zum Thema Evolution des Menschen auseinandergesetzt hat.

Schließlich verweist Dawkins darauf, dass die Zuordnung der Funde zu verschiedenen Arten und Gattungen sinnlos sei. Wie anhand dieser Argumentation stichhaltig belegt werden soll, dass erstens der Mensch gemeinsame Vorfahren mit dem Schimpansen hat, und dass zweitens dies einen intelligenten Schöpfer der Menschen ausschließt, bleibt aber völlig offen. Zudem ist auch in einem Grundtypenmodell aus der Schöpfungsperspektive zu erwarten, dass es viele Zwischenformen innerhalb eines gemeinsamen Grundtypen (z. B. innerhalb der Australopithecinen oder innerhalb der Echten Menschen) gibt. Um diese Theorie zu widerlegen, bräuchte man hingegen klare Übergangsformen zwischen diesen beiden Gruppen.

Es wäre schlussendlich auch anhand der anderen Kapitel zu überprüfen, ob sich dieser absichtlich polemische und oft oberflächliche Argumentationsstil von Dawkins durch das ganze Buch zieht (siehe dazu Ullrich 2021). Sollte dies der Fall sein, könnte Richard Dawkins seinem im Titel gestellten Anspruch, dass die Evolutionstheorie den Glauben an einen Schöpfer als Lüge enttarnt, nicht ansatzweise nachkommen. Man könnte umgekehrt fragen, ob bei so oberflächlichen Argumenten gegen einen Schöpfer Dawkins mit seinem Buch bei näherer Betrachtung nicht eigentlich das Gegenteil von „Warum Darwin recht hat“ aufzeigt.

Literatur

Brandt M (2017)
Frühe Homininen. Eine fossile Bestandsaufnahme anhand fossiler und archäologischer Zeugnisse. Sonderband Studium Integrale Special. Holzgerlingen.

Dawkins R (2015)
Die Schöpfungslüge. Warum Darwin recht hat. 5. Auflage. Berlin.

Gauger A, Axe D & Luskin C (2012)
Science and Human Origins. Discovery Institute Press.

Hawks J, Elliott M et al. (2017)
New fossil remains of Homo naledi from the Lesedi Chamber, South Africa. eLife 6, doi:10.7554/eLife.24232.

Ullrich H (2021)
„Unintelligentes Design“ – Sprechen biologische Befunde gegen die Existenz eines Schöpfers? In: Junker R & Widenmeyer M (Hrsg.) Schöpfung ohne Schöpfer? Studium Integrale. Holzgerlingen.