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0.2 Biblisch-urgeschichtliche Geologie

0.2.1.0 Biblische Grundlagen zur Erdgeschichte (Interessierte)

Die Bibel will in ihren Schilderungen von den Anfängen der Menschheit wirkliche Geschichte berichten. Dies geht aus den Texten klar hervor (was auch viele Ausleger bestätigen). Auch Beziehungen der biblischen Urgeschichte (1.Mose 1-11) mit dem Neuen Testament setzen voraus, dass die beschriebenen Geschehnisse real sind.

1.0 Inhalt

In diesem Artikel wird erläutert, dass die biblische Urgeschichte (1. Mose 1-11) wirkliche Geschehnisse schildern will. Dies ist die erkennbare Absicht der Autoren. Im Neuen Testament wird auf die biblische Urgeschichte Bezug genommen. Auch daraus geht hervor, dass es sich um reale Ereignisse handelt.

Bei diesem Text handelt es sich um eine biblische Exegese [= Auslegung], während naturwissenschaftliche Aspekte nicht hier behandelt werden.

1.1 Einleitung

Mit der biblischen Urgeschichte sind die Geschehnisse gemeint, von denen in den ersten elf Kapiteln des 1. Buches Mose (Genesis) berichtet wird. Darin wird über die Schöpfung, den Garten Eden, den Sündenfall, die weitere Geschichte nach Adam und Eva, die Sintflut und das Scheitern des Turmbaus zu Babel erzählt.

In den folgenden Ausführungen sind zugunsten leichter Lesbarkeit Literaturbelege weggelassen worden; interessierte Leser werden auf den |0.2.1.1.2 Expertenteil| verwiesen.

1.2 Die biblische Urgeschichte – wirkliche Geschichte

Heute wird vielfach bestritten, dass es die Absicht der Urgeschichte sei, wirkliche Geschichte zu berichten. Doch stellen viele Ausleger ausdrücklich fest, dass der biblische Bericht den wirklichen Hergang der Entstehung der Welt erzählen will. Es ist die Absicht der Urgeschichtstexte, wirkliche Geschichte zu berichten. Die Ablehnung der biblischen Urgeschichte als reales Geschehen wird gewöhnlich nicht durch die Auslegung der biblischen Texte begründet, sondern hat oft erkennbar weltanschauliche Gründe: Die biblische Urgeschichte steht im Widerspruch zu evolutionstheoretischen Vorstellungen von der Geschichte des Menschen.

1.3 Der Schöpfungsbericht: ein Gedicht?

Manchmal wird behauptet, der Schöpfungsbericht (1. Mose 1) sei lediglich so etwas wie ein Gedicht. Er wolle schon deshalb keine wirkliche Geschichte berichten. Jedoch: Der Schöpfungsbericht ist nach seiner literarischen Gattung (Textsorte) kein Gedicht. Vielmehr handelt es sich um eine Erzählung, die vom Urgeschehen berichtet, genauer um einen Bericht (engl. report).

1.4 Genesis im Neuen Testament

Jesus Christus selber bestätigt indirekt die Erschaffung des Menschen, wie sie in den ersten beiden Kapiteln der Bibel (1. Mose 1 und 2) geschildert wird. In einer seiner Auseinandersetzungen mit den religiösen Führern seiner Zeit geht es um die Frage der Ehe und Ehescheidung. Bemerkenswerterweise begründet Jesus seine Antwort damit, dass er auf den Ursprung verweist, wie Gott den Menschen am Anfang gemacht hat (Mt. 19,3-8).

Für Jesus sind die Dinge so real geschehen, wie sie im biblischen Schöpfungsbericht und in der Paradieseserzählung geschildert werden. Er sagt: “Habt ihr nicht gelesen (1. Mos. 1,27), dass der Schöpfer die Menschen von Anfang an als Mann und Frau geschaffen und gesagt hat (1. Mos. 2,24): ‘Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hangen, und die beiden werden e i n Fleisch sein’?” Weiter weist er darauf hin, dass anfangs keine Scheidung gestattet war: “Mose hat euch (nur) mit Rücksicht auf eure Herzenshärte gestattet, eure Frauen zu entlassen (oder: euch von euren Frauen zu scheiden); aber von Anfang an ist es nicht so gewesen” (Mt 19,8). Daraus folgt, dass die Menschen ursprünglich keine “Herzenshärte” hatten. Damit steht hinter der Antwort Jesu unausgesprochen ein Bruch in der Menschheitsgeschichte, durch den die Menschen hartherzig wurden – eine Anspielung auf den real geschehenen Sündenfall.

Auch auf den Brudermord (Geschichte von Kain und Abel) und die Sintflut wird im Neuen Testament Bezug genommen (Mt. 23,35; Hebr. 11,4; 12,24; Mt 24,37-39) und zwar wieder so, dass wirkliche Ereignisse vorausgesetzt werden.

Auf die Zusammenhänge zwischen der biblischen Urgeschichte und zentralen Inhalten des Neuen Testaments wird im Artikel |0.5.1.2 Die biblische Urgeschichte im Neuen Testament| ausführlicher eingegangen.

1.5 Schlussfolgerung

Das biblische Zeugnis spricht eine klare Sprache zur Frage, ob die Urgeschichte wirkliche Geschichte beschreiben will. Sowohl die Textauslegung führt zu diesem Ergebnis (was Ausleger verschiedener theologischer Richtungen bestätigen), als auch die innerbiblischen Zusammenhänge.

 

Autor: Manfred Stephan, 27.12.2007

© 2007, https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/i821.php

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0.2.1.0 Biblische Grundlagen zur Erdgeschichte (Experten)

2.0 Inhalt

In diesem Artikel wird erläutert, dass die biblische Urgeschichte (1. Mose 1-11) wirkliche Geschehnisse schildern will. Dies ist die erkennbare Absicht der Autoren. Im Neuen Testament wird auf die biblische Urgeschichte Bezug genommen. Auch daraus geht hervor, dass es sich um reale Ereignisse handelt.

Bei diesem Text handelt es sich um eine biblische Exegese [= Auslegung], während naturwissenschaftliche Aspekte nicht hier behandelt werden.

2.1 Einleitung

Mit der biblischen Urgeschichte sind die Geschehnisse gemeint, von denen in den ersten elf Kapiteln des 1. Buches Mose (Genesis) berichtet wird. Darin wird über die Schöpfung, den Garten Eden, den Sündenfall, die weitere Geschichte nach Adam und Eva, die Sintflut und das Scheitern des Turmbaus zu Babel erzählt.

In der zeitgenössische Theologie wird schon lange davon ausgegangen, dass die biblische Urgeschichte keine wirklichen Ereignisse zum Inhalt hat. Die Begründung für eine solche Auffassung kann jedoch nicht den biblischen Texten entnommen werden. Vielmehr passt die Vorstellung (direkten Schöpfung durch das Wort Gottes, ein fundamentaler Bruch in der Menschheitsgeschichte, globale Sintflut) nicht in gegenwärtig herrschende weltanschauliche Vorstellungen.

2.2 Die biblische Urgeschichte – wirkliche Geschichte

Vor diesem Hintergrund wird oft gefragt, ob es überhaupt die Absicht der Urgeschichte ist, wirkliche Geschichte zu berichten. Bemerkenswert ist, dass selbst historisch-kritische Alttestamentler wie z. B. Gunkel (1910, S. 130) nicht selten betonen, dass der biblische Bericht „den wirklichen Hergang der Entstehung der Welt erzählen will“. Man hätte das „nie leugnen sollen“. Die weitaus meisten Alttestamentler sind aber der neuzeitlichen Bibelkritik verpflichtet. Sie nehmen nicht an, dass sich die Berichte der Urgeschichte tatsächlich (so) ereignet haben. Aber sie erkennen fast immer an: Es ist die Absicht der Urgeschichtstexte, wirkliche Geschichte zu berichten. Diese Ausleger machen sozusagen einen Unterschied zwischen dem, was die Schreiber der biblischen Texte aussagen wollten, und dem, wie diese Aussagen ihrer Meinung nach heute verstanden werden sollten.

Wegen der Wichtigkeit dieser Frage seien hier einige weitere Zitate historisch-kritischer Alttestamentler angeführt: Die Urgeschichte will „als Geschichte erzählt sein, die so zu nehmen ist, wie sie dasteht“ (Zimmerli 1967, S. 163). „Mit 1. Mose 1,1 hebt das Geschichtswerk an, dass nun durchläuft bis zur Sinaioffenbarung und der Landnahme der Stämme [Israels|. ( …) Es ist also daran festzuhalten, dass hier ein Tatsachenbericht gegeben werden will“ (v. Rad 1987, S. 51). Der biblische Erzähler „wollte tatsächlich eine ‚Geschichte‘ von der Erschaffung der Menschheit an schreiben, freilich eine Geschichte Gottes mit der Menschheit“ (Ruppert 1979, S. 28). „Die Zeitangaben und Begriffe […| unterstreichen, dass es sich um […| auch chronologisch fixierte, einmalige Ereignisse in der Urzeit“ handelt (Witte 1998, S. 252f.). Es ist bemerkenswert, dass diese historisch-kritischen Alttestamentler herausstellen: Die Urgeschichte will berichten, was einst wirklich geschehen ist.

2.3 Der Schöpfungsbericht: ein Gedicht?

Manchmal wird behauptet, der Schöpfungsbericht (1. Mose 1) sei lediglich so etwas wie ein Gedicht. Er wolle schon deshalb keine wirkliche Geschichte berichten. Jedoch: Der Schöpfungsbericht ist nach seinem literarischen Gattung (Textsorte) kein Gedicht. Vielmehr handelt es sich um eine Erzählung (Gunkel 1910, S. 117), die „vom Urgeschehen … berichtet“ (Westermann 1974, 791; vgl. 111), genauer um einen Bericht (engl. report; Dreytza, Hilbrands & Schmid 2002, S. 83).

2.4 Genesis im Neuen Testament

Jesus Christus selber bestätigt indirekt die Erschaffung des Menschen, wie sie in den ersten beiden Kapiteln der Bibel (1. Mose 1 und 2) geschildert wird. In einer seiner Auseinandersetzungen mit den religiösen Führern seiner Zeit geht es um die Frage der Ehe und Ehescheidung. Bemerkenswerterweise begründet Jesus seine Antwort damit, dass er auf den Ursprung verweist, wie Gott den Menschen am Anfang gemacht hat. Im Matthäusevangelium ist dieses Gespräch überliefert:

„Da traten Pharisäer an ihn heran, die ihn auf die Probe stellen wollten, und legten ihm die Frage vor: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund entlassen (oder: sich von seiner Frau scheiden)? Er gab ihnen zur Antwort: Habt ihr nicht gelesen (1. Mos. 1,27), dass der Schöpfer die Menschen von Anfang an als Mann und Frau geschaffen und gesagt hat (1. Mos. 2,24): ‘Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hangen, und die beiden werden e i n Fleisch sein’? Also sind sie nicht mehr zwei, sondern e i n Fleisch. Was somit Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.

Sie entgegneten ihm: Warum hat denn Mose geboten (5. Mos. 24,1), der Frau einen Scheidebrief auszustellen und sie dann zu entlassen? Er antwortete ihnen: Mose hat euch (nur) mit Rücksicht auf eure Herzenshärte gestattet, eure Frauen zu entlassen (oder: euch von euren Frauen zu scheiden); aber von Anfang an ist es nicht so gewesen“ (Mt. 19,3-8; nach Menge).

Für Jesus sind die Dinge so real geschehen, wie sie im biblischen Schöpfungsbericht und in der Paradieseserzählung geschildert werden. Sein Hinweis, dass „von Anfang an“ noch keine Scheidung gestattet war, schließt ein, dass die Menschen ursprünglich keine „Herzenshärte“ hatten. Damit steht hinter der Antwort Jesu unausgesprochen ein Bruch in der Menschheitsgeschichte, durch den die Menschen hartherzig wurden – eine Anspielung auf den real geschehenen Sündenfall.

Auch auf den Brudermord (Geschichte von Kain und Abel) wird im Neuen Testament Bezug genommen (Mt. 23,35; Hebr. 11,4; 12,24) und zwar wieder so, dass ein wirkliches Ereignis vorausgesetzt wird. Das gilt ebenfalls für die Sintflut: Wieder ist es Jesus Christus selber, der die Zeit vor der Sintflut mit der Zeit vor seinem Wiederkommen vergleicht (Mt 24,37-39; zum Ganzen vgl. Baum 2002).

Auf die Zusammenhänge zwischen der biblischen Urgeschichte und zentralen Inhalten des Neuen Testaments wird im Artikel |0.5.1.2 Die biblische Urgeschichte im Neuen Testament| ausführlicher eingegangen.

2.5 Schlussfolgerung

Das biblische Zeugnis spricht eine klare Sprache zur Frage, ob die Urgeschichte wirkliche Geschichte beschreiben will. Sowohl die Textauslegung führt zu diesem Ergebnis (was Ausleger verschiedener theologischer Richtungen bestätigen), als auch die innerbiblischen Zusammenhänge.

2.6 Literatur

Baum, A. D.: Das Schriftverständnis Jesu: Ein exegetisches Mosaik. JETh 16 (2002), 13-32

Dreytza, M., Hilbrands, W. & Schmid, H.: Das Studium des Alten Testaments. Eine Einführung in die Methoden der Exegese. BWM 10. Wuppertal 2002

Gunkel, H.: Genesis. HK AT I/1. Göttingen 31910 (71966)

Junker, R.: Jesus, Darwin und die Schöpfung. Holzgerlingen (22004)

Rad, G. v.: Das erste Buch Mose. ATD 2-4. Göttingen 121987

Ruppert, L.: „Urgeschichte“ oder Urgeschehen? Zur Interpretation von Gen. 1-11. MThZ 30 (1979), 19-32

Westermann, C.: Genesis 1-11. BK AT I/1. Neukirchen-Vluyn 1974 (41999)

Witte, M.: Die biblische Urgeschichte. Redaktions- und theologiegeschichtliche Beobachtungen zu Genesis 1,1 – 11,26. BZAW 265. Berlin-New York 1998

Zimmerli, W.: 1. Mose 1-11. Urgeschichte. ZBK. Zürich 31967 (41984)

 

Autor: Manfred Stephan, 27.12.2007

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0.2.1.2 Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte: Nur einige Jahrtausende (Interessierte)

Der biblischen Urgeschichte kann ein ungefährer Zeitrahmen von einigen tausend Jahren für die Menschheitsgeschichte ab Adam entnommen werden. Dies ergibt sich aus den Abstammungsregistern, die zwar lückenhaft sein könnten, aber zeitlich nicht zu stark gedehnt werden können, ohne dass sie ihren Sinn verlieren.

1.0 Inhalt

In diesem Artikel wird erklärt, wie aus den Abstammungsregistern eine Größenordnung von einigen tausend Jahren für das Menschheitsalter abgeleitet werden kann. Weiter wird gezeigt, dass aus dem Anfang des Schöpfungsberichts kein Spielraum für ein zeitlich ausgedehntes Ereignis vor dem Sechstagewerk herausgelesen werden kann.

Bei diesem Text handelt es sich um eine biblische Exegese [= Auslegung], während naturwissenschaftliche Aspekte nicht hier behandelt werden.

1.1 Einleitung

Ein auffälliges Merkmal der biblischen Urgeschichte ist der kurze Zeithorizont, den die Ereignisse zwischen Schöpfung (1. Mose 1) und Völkerzerstreuung (1. Mose 11) umspannen.

1.2 Die Schöpfung in sechs Tagen (1. Mose 1)

Gleich das erste Kapitel der Bibel (1. Mose 1) konfrontiert den Leser mit dem Kurzzeithorizont. Denn hier sind die Schöpfungswerke in den Zeitrahmen von nur 6 Tagen gestellt. Der Textzusammenhang weist durch folgende Merkmale auf natürliche Tage hin:

  • Die Schöpfungstage werden der Reihe nach gezählt (… ein zweiter … dritter usw. Tag).
  • Die Tage werden jeweils durch Abend und Morgen begrenzt (Und es wurde Abend, und es wurde Morgen, ein zweiter … dritter usw. Tag); im Alten Testament ist sonst in solchen Fällen ein normaler Tag gemeint. In den ersten Tagen war das (die) Licht(quelle) noch nicht die Sonne (1. Mose 1,3-5).
  • In den Zehn Geboten wird die Arbeitswoche von 6 Tagen mit dem Sabbat aus der Schöpfungswoche von 6 Tagen und dem Ruhetag Gottes begründet bzw. abgeleitet (2. Mose 20,11; vgl. 31,17).

Aus diesen Gründen vertreten auch historisch-kritische Alttestamentler zumeist, dass mit den Schöpfungstagen natürliche Tage gemeint sind. Es müsste also aus dem Text belegt werden, dass es sich bei den Schöpfungstagen nicht um natürliche Tage handelt; dies scheint aber nicht möglich zu sein.

1.3 Die Abstammungsregister (1. Mose 5 und 11)

Durch zwei detaillierte Abstammungsregister wird die Urgeschichte zeitlich gegliedert. Das erste Abstammungsregister reicht vom ersten Menschen (Adam) bis Noah und seinen Söhnen zur Zeit der Sintflut (1. Mose 5). Das zweite beginnt mit Sem, dem Sohn Noahs, und endet mit Abraham, dem Stammvater Israels (1. Mose 11,10-26). Auch das 1. Chronikbuch (Kap. 1) und das Lukasevangelium (Kap. 3,23-38) enthalten Abstammungsregister, die bis zum ersten Menschen (Adam) zurückgehen.

Es geht im Gesamtzusammenhang der Urgeschichte unter anderem darum, mit den Abstammungsregistern den Zusammenhang zwischen Schöpfung und folgender Menschheitsgeschichte sicherzustellen.

In den Abstammungsregistern ist die Lebensdauer der Patriarchen angegeben, dazu ihr Alter zur Zeit der Geburt des ersten Sohnes. Daraus lässt sich die Gesamtzeit von Adam bis Abraham berechnen. Doch gibt es dabei zwei Hauptschwierigkeiten. Einmal, dass die Zahlen der Abstammungsregister der drei überlieferten Textformen (masoretischer Text, samaritanischer Text, Septuaginta) unterschiedlich sind (Näheres im |0.2.1.2.2 Expertenteil|).

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In welcher Textform die Jahreszahlen zuverlässig überliefert sind, ist unter den Alttestamentlern strittig; für alle Textformen sind Argumente genannt worden. Es kann nicht sicher geklärt werden, welche Textform die ursprünglich(st)en Zahlenangaben hat. Allerdings scheinen die masoretischen Jahreszahlen die meisten Verfechter zu finden.

1.5 Abstammungsregister: Mit oder ohne Lücken?

Zum anderen stellt sich die Frage, ob die Abstammungsregister in 1. Mose 5 und 11 lückenlos sind oder ob Patriarchen ausgelassen wurden. Ein wichtiger indirekter Hinweis für Auslassungen ist die Ähnlichkeit der beiden Abstammungsregister in 1. Mose 5 und 11. In der Septuaginta ist die Ähnlichkeit besonders groß. Hier sind es in beiden Abstammungsregistern 10 Patriarchen; die letzten haben jeweils 3 Söhne. Das lässt vermuten, dass die Zahl der Patriarchen reduziert und aneinander angeglichen wurde (siehe unten zu Matthäus 1!). Die große Ähnlichkeit im Aufbau der Abstammungsregister ist auch im masoretischen und samaritanischen Text nicht zu verkennen.

Zahlreiche konservative Alttestamentler führen innerbiblische Gründe dafür an, dass die Abstammungsregister wahrscheinlich lückenhaft und nicht als strenge Chronologie zu verstehen sind. Es ist jedoch nicht statthaft, wegen des Fehlens von Patriarchen die Abstammungsregister von Genesis 5 und 11 unbegrenzt zu dehnen, ohne sie ihres Sinnes zu berauben. Daher können kaum mehr als 5.000 Jahre für die Zeit zwischen der Sintflut und der Zeit Abrahams veranschlagt werden.

Der Stammbaum Jesu in Matthäus 1. Ein wichtiger Anhaltspunkt für die Frage nach Lücken in den Stammbäumen ist der Stammbaum Jesu in Matthäus 1,1-17. In V.8 heißt es: “Joram aber zeugte Usia”. Zwischen Joram und Usia fehlen drei Glieder, Ahasja, Joasch und Amazja, dazu kommt Jojakim. Dennoch wird in Matthäus 1,17 so deutlich wie irgend möglich zum Ausdruck gebracht: Es sind 14 Generationen von Abraham bis David, 14 von David bis zur Verschleppung nach Babylon und 14 von der Verschleppung nach Babylon bis Christus – obgleich mehrere Glieder ausgelassen wurden! Das zeigt zweifelsfrei der Vergleich mit der Genealogie in 1. Chronik 3,11f. Matthäus 1,17 spricht ausdrücklich von 3 mal 14 Generationen. Daraus müsste der unbefangene Leser auf Vollständigkeit der Genealogie schließen – und doch ist das nicht der Fall. Wir haben es in Matthäus 1 offensichtlich mit einer sowohl historischen als auch theologischen Darstellungsweise zu tun, die als solche unserer Kultur fremd ist.

1.6 Eine Lücke am Anfang des Schöpfungsberichts (1. Mose 1,2)?

Besteht gleich zwischen den ersten beiden Versen der Bibel (1. Mose 1,1+2) eine (große) zeitliche Lücke? (Lückentheorie) Es ist immer wieder vermutet worden: Während dieser Zeit wurde durch den Fall der Engelwelt der Zustand der “Wüste und Leere” (hebräisch: Tohuwabohu) bewirkt. Ferner: Können sich in dieser (langgedachten) Zeitspanne nicht die geologischen Schichten mit den Fossilien gebildet haben?

Jedoch: Diese Auslegung ist aus mehreren Gründen nicht möglich:

  • Bereits von der Textgestalt des Schöpfungsberichts her ist diese Auslegung fragwürdig. Denn damit wird eine ganze Lehre zwischen zwei Verse platziert, ohne dass diese Lehre im Text von 1. Mose 1 auch nur angedeutet wird.
  • Aus sprachlichen Gründen kann in 1. Mose 1,2 nur übersetzt werden: “Die Erde war Wüste und Leere”, nicht: “Die Erde wurde Wüste und Leere”. Hier werden Zustände, keine Ereignisse geschildert.
  • Der Zustand des “Wüsten und Leeren” war nur ein (kurzes) Durchgangsstadium, in dem das Geschaffene zunächst noch “ungeordnet, ungeformt und ungefüllt” war. Es befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer Art Rohzustand. Erst während des weitergehenden Sechstagewerks wurde die Erde nach und nach wohlgeordnet und bewohnbar gemacht.
  • In den 10 Geboten wird bei der Begründung des Sabbatgebots gesagt: Gott hat Himmel und Erde und alles, was darin ist, in sechs Tagen geschaffen (2. Mose 20,11) – nicht (nach dem Fall der Engel) wiederhergestellt.
  • Die unterschiedlichen Fossilien sind in den übereinander liegenden geologischen Schichten in einer geordneten Abfolge zu finden. Die Lückentheorie gibt keine Hilfe, diese Regelhaftigkeit der Fossilüberlieferung zu verstehen.

Im Artikel über |0.2.1.3 Die Bindung der Erdgeschichte an den Sündenfall des Menschen| geht es um Folgerungen für den zeitlichen Umfang der Erdgeschichte aus biblischer Sicht.

 

Autor: Manfred Stephan, 27.12.2007

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0.2.1.2 Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte: Nur einige Jahrtausende (Experten)

2.0 Inhalt

In diesem Artikel wird erklärt, wie aus den Abstammungsregistern eine Größenordnung von einigen tausend Jahren für das Menschheitsalter abgeleitet werden kann. Weiter wird gezeigt, dass aus dem Anfang des Schöpfungsberichts kein Spielraum für ein zeitlich ausgedehntes Ereignis vor dem Sechstagewerk herausgelesen werden kann.

Bei diesem Text handelt es sich um eine biblische Exegese [= Auslegung], während naturwissenschaftliche Aspekte nicht hier behandelt werden.

2.1 Einleitung

Ein auffälliges Merkmal der biblischen Urgeschichte ist der kurze Zeithorizont, den die Ereignisse zwischen Schöpfung (1. Mose 1) und Völkerzerstreuung (1. Mose 11) umspannen. Das soll anhand von drei Punkten gezeigt werden:

  • Die Schöpfung in 6 Tagen (1. Mose 1)
  • Die Abstammungsregister (1. Mose 5 und 11)
  • Eine Lücke im Schöpfungsbericht (1. Mose 1,2)?

2.2 Die Schöpfung in sechs Tagen (1. Mose 1)

Gleich das erste Kapitel der Bibel (1. Mose 1) konfrontiert den Leser mit dem Kurzzeithorizont. Denn hier sind die Schöpfungswerke in den Zeitrahmen von nur 6 Tagen gestellt. Sind mit diesen Schöpfungstagen natürliche Tage gemeint? Oder können darunter längere Zeiträume (Erdzeitalter) verstanden werden? Der Textzusammenhang weist durch folgende Merkmale auf natürliche Tage hin:

  • Die Schöpfungstage werden der Reihe nach gezählt (… ein zweiter … dritter usw. Tag).
  • Die Tage werden jeweils durch Abend und Morgen begrenzt (Und es wurde Abend, und es wurde Morgen, ein zweiter … dritter usw. Tag). „Im Alten Testament bezeichnet ‚Tag’ verbunden mit einem Zahlwort immer den aus Tag und Nacht bestehenden vollen Tag im buchstäblichen Sinn“ (Möller 1997, S. 22).
  • Die Messung der Tageslänge mit unseren Mitteln war zwar erst am 4. Tag möglich, nach der Erschaffung der Gestirne (1. Mose 1,14-19). Jedoch wird auch für die ersten Tage der stereotype Ausdruck „und es wurde Abend, und es wurde Morgen“ in Verbindung mit dem immer gleichen Begriff „Tag“ gebraucht. Das nötigt dazu, auch hier die aus Hell- und Dunkelphase bestehende Zeitspanne eines natürlichen Tages zugrunde zu legen (Keil 1861, S. 18f; Möller 1997, S. 23). Nur war in den ersten Tagen das (die) Licht(quelle) noch nicht die Sonne (1. Mose 1,3-5).
  • In den Zehn Geboten wird die Arbeitswoche von 6 Tagen mit dem Sabbat aus der Schöpfungswoche von 6 Tagen und dem Ruhetag Gottes begründet bzw. abgeleitet (2. Mose 20,11; vgl. 31,17; Zimmerli 1967, S. 103f.).

Aus diesen Gründen vertreten auch historisch-kritische Alttestamentler zumeist, dass mit den Schöpfungstagen natürliche Tage gemeint sind. Dazu einige Beispiele: „Natürlich sind die ‚Tage’ Tage und nichts anderes“ (Gunkel 1910, S. 106). „Die sieben Tage wollen ohne Frage als wirkliche Tage … verstanden werden“ (v. Rad 1987, S. 43). Es ist klar, dass der „Schöpfungsbericht mit seinen sieben Tagen an eine wirkliche Woche denkt und an wirkliche, normale Erdentage, an denen Gott seine Werke gemacht“ hat (Zimmerli 1967, S. 103).

Es müsste also aus dem Text belegt werden, dass es sich bei den Schöpfungstagen nicht um natürliche Tage handelt. Denn nach den Grundregeln des Textverständnisses sollte man nur dann vom buchstäblichen Sinn abweichen, wenn dafür zwingende Gründe im Text vorliegen (Möller 1997, S. 22).

2.3 Die Abstammungsregister (1. Mose 5 und 11)

Durch zwei detaillierte Abstammungsregister wird die Urgeschichte zeitlich gegliedert. Das erste Abstammungsregister reicht vom ersten Menschen (Adam) bis Noah und seinen Söhnen zur Zeit der Sintflut (1. Mose 5). Das zweite beginnt mit Sem, dem Sohn Noahs, und endet mit Abraham, dem Stammvater Israels (1. Mose 11,10-26).

Aber nicht allein die biblische Urgeschichte, auch das 1. Chronikbuch (Kap. 1) und das Lukasevangelium (Kap. 3,23-38) enthalten Abstammungsregister, die bis zum ersten Menschen (Adam) zurückgehen. Dabei handelt es sich keineswegs um unbedeutende Abschnitte der biblischen Bücher. Gerhard v. Rad (1987, S. 46) hebt hervor: Der Weg der Generationen in den Abstammungsregistern ist „nicht nur eine nebensächliche Verbindungslinie, sondern in seiner Eigenschaft als Zeitspanne von ganz bestimmter Dauer ein selbständiger Gegenstand der Darstellung“. Es geht im Gesamtzusammenhang der Urgeschichte unter anderem darum, mit den Abstammungsregistern „den Zusammenhang zwischen Schöpfung und folgender Menschheitsgeschichte nochmals ganz einwandfrei sicherzustellen“. Denn „die Schöpfung ist nicht etwas Geschichtsjenseitiges“ (Zimmerli 1967, S. 247).

In den Abstammungsregistern ist die Lebensdauer der Patriarchen angegeben, dazu ihr Alter zur Zeit der Geburt des ersten Sohnes. Daraus lässt sich die Gesamtzeit von Adam bis Abraham berechnen. Doch gibt es dabei zwei Hauptschwierigkeiten. Einmal, dass die Zahlen der Abstammungsregister der drei überlieferten Textformen unterschiedlich sind. Zum anderen stellt sich die Frage, ob die Patriarchen in den Abstammungsregistern lückenlos aufgezählt sind oder nicht. Diese beiden Fragen führen in komplexe Details der Textauslegung hinein. Im Folgenden können nur Einblicke in die Auslegungsdiskussion gegeben werden (für vertiefte Studien sei auf die Literatur verwiesen). Mit allem Vorbehalt soll dennoch eine eigene Position skizziert werden.

2.4 Die drei Textformen bei den Abstammungsregistern

Die Abstammungsregister sind in drei Textformen überliefert: Erstens im hebräischen Alten Testament, das vom Judentum überliefert wurde (sog. masoretischer Text). Zweitens in den hebräischen 5 Büchern Mose; überliefert wurden sie (unabhängig vom Judentum) von der Gemeinschaft der Samaritaner (sog. samaritanischer Text). Drittens in der ebenfalls schon in vorchristlicher Zeit von jüdischen Gelehrten angefertigten griechischen Übersetzung des Alten Testaments (sog. Septuaginta-Text); sie wurde später von den Ostkirchen überliefert. Im Laufe der langen und vielfältigen Abschreibetätigkeit sind typische Schreib-, Hör- und Lesefehler in die Bibeltexte eingedrungen. Heute stehen ja nur Abschriften des Alten Testaments zur Verfügung, die handgefertigt wurden. Sie sind zum Teil Jahrhunderte jünger als die Originalhandschriften der biblischen Bücher. Doch ist das Ausmaß dieser durch Abschreibetätigkeit entstandenen textlichen „Unschärfe“ gering. Die Botschaft, die Hauptaussagen der einzelnen Bücher sind dennoch deutlich und klar (Dreytza, Hilbrands & Schmid 2002, S. 38).

Wie bereits erwähnt, weichen in den Abstammungsregistern (1. Mose 5 und 11) die Zahlenangaben deutlich voneinander ab (Abb. 104).

Abb. 104: Abweichende Zahlenangaben in den drei Textformen des Alten Testaments.

In welcher Textform sind nun die Jahreszahlen zuverlässig überliefert? Darüber sind die Alttestamentler geteilter Meinung; für alle Textformen sind Argumente genannt worden. Es kann nicht sicher geklärt werden, welche Textform die ursprünglich(st)en Zahlenangaben hat. Allerdings scheinen die masoretischen Jahreszahlen die meisten Verfechter zu finden. An zweiter Stelle dürfte der Samaritaner stehen. Die Septuaginta-Zahlen fanden bis ins 19. Jahrhundert mehr Verfechter; heute werden sie offenbar von wenigen Auslegern bevorzugt.

2.5 Abstammungsregister: Mit oder ohne Lücken?

Weiter stellt sich die Frage, ob die Abstammungsregister in 1. Mose 5 und 11 lückenlos sind oder ob Patriarchen ausgelassen wurden. Ein wichtiger indirekter Hinweis für Auslassungen ist die Ähnlichkeit der beiden Abstammungsregister in 1. Mose 5 und 11. In der Septuaginta ist die Ähnlichkeit besonders groß. Hier sind es in beiden Abstammungsregistern 10 Patriarchen; die letzten haben jeweils 3 Söhne. Das lässt vermuten, dass die Zahl der Patriarchen reduziert und aneinander angeglichen wurde (siehe unten zu Matthäus 1!). Der masoretische und samaritanische Text hat zwar 10 Patriarchen in 1. Mose 5, aber nur 9 in 1. Mose 11. Auch hier haben die jeweils letzten Patriarchen drei Söhne. Bei diesen Textformen ist die Ähnlichkeit von 1. Mose 5 und 11 also nicht ganz so ausgeprägt. Dennoch ist die große Ähnlichkeit im Aufbau der Abstammungsregister auch im masoretischen und samaritanischen Text nicht zu verkennen. Darauf haben auch viele Ausleger hingewiesen. Das gilt auch, wenn im Gegensatz zu 1. Mose 5 die Gesamtlebensdauer und die Todesnotiz der Patriarchen in 1. Mose 11 fehlt.

Zahlreiche konservative Alttestamentler führen innerbiblische Gründe dafür an, dass die Abstammungsregister wahrscheinlich lückenhaft und nicht als strenge Chronologie zu verstehen sind (angeführt bei Külling 1997, S. 27ff.). Es ist jedoch nicht statthaft, wegen des Fehlens von Patriarchen die Abstammungsregister von Genesis 5 und 11 unbegrenzt zu dehnen, ohne sie ihres Sinnes zu berauben. Nach Whitcomb & Morris (1977, S. 496) können kaum mehr als 5.000 Jahre für Zeit zwischen der Sintflut und der Zeit Abrahams veranschlagt werden.

Der Stammbaum Jesu in Matthäus 1. Ein wichtiger Anhaltspunkt für Frage nach Lücken in den Stammbäumen ist der Stammbaum Jesu in Matthäus 1,1-17. In V.8 heißt es: „Joram aber zeugte Usia“. Zwischen Joram und Usia fehlen drei Glieder, Ahasja, Joasch und Amazja, dazu kommt Jojakim. Dennoch wird in Matthäus 1,17 so deutlich wie irgend möglich zum Ausdruck gebracht: Es sind 14 Generationen von Abraham bis David, 14 von David bis zur Verschleppung nach Babylon und 14 von der Verschleppung nach Babylon bis Christus – obgleich mehrere Glieder ausgelassen wurden! Das zeigt zweifelsfrei der Vergleich mit der Genealogie in 1. Chronik 3,11f. Matthäus 1,17 spricht ausdrücklich von 3 mal 14 Generationen. Daraus müsste der unbefangene Leser auf Vollständigkeit der Genealogie schließen – und doch ist das nicht der Fall. Wir haben es in Matthäus 1 offensichtlich mit einer sowohl historischen als auch theologischen Darstellungsweise zu tun, die als solche unserer Kultur fremd ist. So gewiss es sich bei Matthäus um einen realen Stammbaum handelt, so gewiss enthält er aufgrund dieser Auslassungen zugleich eine theologische „Zahlensymbolik“ (Rothfuchs 1969, S. 100). Ähnliches kann für die Abstammungsregister in 1. Mose 5 und 11 geltend gemacht werden. Diese Darstellungsweise erscheint uns fremdartig; sie erschwert unser Verstehen solcher Bibeltexte.

 

Autor: Manfred Stephan, 27.12.2007

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0.2.1.3 Die Bindung der Erdgeschichte an den Sündenfall des Menschen (Interessierte)

Aus biblischer Sicht besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Geschichte der Menschheit und der Geschichte des Lebens insgesamt. Erst durch die Sünde des Menschen kam der Tod in die Welt, auch in die außermenschlichen Schöpfung. Die Fossilüberlieferung als Zeugnis auch des Todes in der Schöpfung muss daher in den zeitlichen Rahmen der Menschheitsgeschichte gestellt werden.

1.0 Inhalt

In diesem Artikel wird gezeigt, weshalb aus biblischer Sicht die Geschichte des Lebens in einen kurzen Zeitrahmen gestellt werden muss. Das ergibt sich daraus, dass zum einen die Menschheitsgeschichte kurz ist (|0.2.1.2 Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte|), zum anderen daraus, dass aufgrund des Sündenfalls ein enger Zusammenhang zwischen der Geschichte des Menschen und der Geschichte der Tierwelt besteht.

Bei diesem Text handelt es sich um eine biblische Exegese [= Auslegung], während naturwissenschaftliche Aspekte nicht hier behandelt werden.

1.1 Einleitung

Im Artikel |0.2.1.2 Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte| wird erläutert, dass sich die Menschheitsgeschichte aus biblischer Sicht im zeitlichen Rahmen von einigen Jahrtausenden bewegt. Die Geschichte des Menschen ist – biblisch gesehen – mit dem Geschick der gesamten Schöpfung gekoppelt. Daraus ergibt sich ein ebenso kurzer Zeitrahmen auch für die Geschichte des Lebens. Im Folgenden soll dieser Zusammenhang erläutert werden.

1.2 Die Menschheit – durch den Ungehorsam der ersten Menschen dem Tod verfallen

In 1. Mose 2,17 wird dem ersten Menschen angedroht, dass er sterben wird, wenn er vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen isst. Dass der Mensch aus Erde geschaffen ist (1. Mose 2,7) schließt nicht die Notwendigkeit, sondern nur die Möglichkeit seines Todes, seiner Vergänglichkeit ein. In Gottes Nähe und am Ort des Lebensbaums war die Vergänglichkeit nicht wirksam. Kap. 2,17 („an dem Tage, da du von ihm [dem Baum der Erkenntnis| isst, musst du des Todes sterben“) ist nicht so gemeint (wie öfter angenommen wurde), dass der Mensch noch am Tag des Ungehorsams hätte sterben müssen. Es handelt sich um ein Urteil. Ein solches muss nicht am Tage des Delikts vollstreckt werden, sondern kann einem weiteren Verfahren unterliegen. Von diesem Tag an ging aber das Dasein des ersten Menschenpaars unabwendbar auf das Sterben zu.

Die ersten Menschen haben sich durch ihren Ungehorsam gegen Gott entschieden (= Sünde). Im Weitergang dieses Gerichtsverfahrens wird ihnen durch die Vertreibung aus dem Garten Eden endgültig verwehrt, vom Baum des Lebens zu essen. „Der Tod ist der Sünde Sold“ (Röm 6,23). Der abschließende Beschluss Gottes, den Menschen endgültig vom Baum des Lebens fernzuhalten und ihn damit dem Tod preiszugeben, steht am Ende des Kapitels über den Sündenfall (1. Mose 3,22-24). Das Urteil Gottes ist damit auch im Text besonders hervorgehoben.

Die Menschen müssen sterben, da sie nun mit Gut und Böse vertraut sind. Denn nur Gott kann mit Gut und Schlecht (Böse) in rechter Weise umgehen. Die Menschen werden damit nicht so umgehen, wie es Gott gefällt.

Den Tod müssen die Menschen auch deswegen erleiden, da sie wie Gott werden wollten. Die Vertrautheit mit Gut und Böse bedeutet (nach 1. Mose 3,22; vgl. 3,5), dass der Mensch in gewisser Weise wie Gott geworden ist. Die Menschen erlagen der Versuchung, von der Gottebenbildlichkeit zur Gottgleichheit zu werden.

1.3 Der Tod von Tieren wird erst nach dem Sündenfall berichtet

In der biblischen Urgeschichte wird nicht ausdrücklich gesagt, dass der Tod der Tierwelt durch den Sündenfall des Menschen bewirkt wurde (s. u.). Aber es wird zumindest angedeutet. Denn das erste Menschenpaar erhält nach dem Sündenfall Kleidung aus Fellen (1. Mose 3,21), also auf Kosten des Lebens unschuldiger Wesen. Auch das Opfer Abels (1. Mose 4,4) setzt den Tod von Tieren voraus.

1.4 Menschen und Tiere sollten sich ursprünglich vegetarisch ernähren

Zu diesem Thema gehört auch: In der ursprünglichen Schöpfung war sowohl Tieren als auch Menschen ausdrücklich nur pflanzliche Nahrung zugewiesen (1. Mose 1,29f.). Es wird ausdrücklich gesagt, dass es auch so geschah. In 1. Mose 1,29f. handelt es sich also um die Beschreibung eines urzeitlichen, aber gegenwärtig nicht mehr herrschenden Friedens. Das Töten ist nicht durch Gottes Ordnung und Gebot in die Welt gekommen. Erst nach Noah gibt es eine andere Ordnung (1. Mose 9,2).

1.5 Die Tierwelt – durch den Mensch der Vergänglichkeit unterworfen

Paulus nimmt in Römer 5,12-17 die Aussagen über den Sündenfall (1. Mose 3) auf. Danach kam der Tod durch Adam, den ersten Menschen, in die Welt (griech. Kosmos). Der Tod ist hier ganzheitlich zu verstehen, der leibliche Tod ist eingeschlossen. Das wird durch den Verweis auf den Tod von Adam bis Mose (Röm 5,14) besonders deutlich. Weiterführend sagt Paulus in Röm 8,19-23, dass die Vergänglichkeit ein sekundäres Kennzeichen der ganzen Schöpfung ist. Unter Schöpfung kann hier nur die Tierwelt verstanden werden. Dies wird von fast allen Auslegern anerkannt.

Der Neutestamentler C.H. Chang (2000) zeigt in einem umfangreichen Fachbuch detailliert: Schöpfung kann „in Röm 8,19-22 weder die gläubige noch die ungläubige Menschheit noch auch Engel oder Dämonen meinen; nur die außermenschliche, vernunftlose Schöpfung kommt in Frage (S. 90). „Die ‚Knechtschaft’ unter die physische [= körperliche] ‚Verderbnis/Vergänglichkeit’, in deren Zustand sich die außermenschliche Schöpfung gegenwärtig befindet, beruht auf dem historischen Ereignis, dass diese Schöpfung einstmals der physischen ‚Nichtigkeit unterworfen’ wurde“ (S. 134).

1.6 Die fossile Tierwelt – von Anbeginn dem Tod unterworfen

Fossilien sind Zeugnisse vergangenen Lebens. Sie sind aber besonders eindrucksvolle Zeugnisse des Todes, nicht selten eines gewaltsamen Todes. Tod und Gewalt in der Tierwelt und beim Menschen verweisen aber nicht auf Schöpfung, sondern auf ein göttliches Gericht. Durch den Ungehorsam des Menschen wurde auch die Tierwelt in die Knechtschaft der Vergänglichkeit, das heißt des Todes, hineingezogen (s.o.). Damit ist die Existenz von Fossilien Ausdruck der menschlichen Sünde in der Welt.

Dazu kommt, dass unter den Fossilien nahezu von Beginn ihres Auftretens (das heißt etwa mit dem Kambrium) auch zahlreiche räuberische und parasitisch lebende Tiere bekannt sind. Sie ernährten sich also nicht (mehr) so, wie es im Schöpfungsbericht für die ursprüngliche Tierwelt beschrieben wird. Denn damals war sowohl den Tieren als auch dem Menschen pflanzliche Nahrung zugewiesen (1. Mose 1,29f.; s.o.). Die räuberische und parasitische Lebensweise muss daher als nachträglich angesehen werden, als Folge des menschlichen Sündenfalls (siehe dazu |0.5.2.3 Modell für einen Umbruch in der Schöpfung|). Deshalb muss die Bildung auch der frühesten Schichtgesteine mit Tierfossilien nach dem Sündenfall der ersten Menschen angesetzt werden.

1.7 Der Mensch, die Fossilien und die geologische Schichtenabfolge

Aus diesen Überlegungen folgt: Da erst durch den Sündenfall des Menschen der Tod in die Tierwelt eingedrungen ist, ist die Fossilüberlieferung von Tieren (ab dem Kambrium) in den zeitlichen Rahmen der kurzen Menschheitsgeschichte zu stellen (Abb. 103). Damit steht die biblisch-urgeschichtliche Geologie vor der gewaltigen Aufgabe, die Fossilüberlieferung zumindest ab dem Kambrium in den zeitlichen Rahmen der Menschheitsgeschichte zu stellen und in diesem Rahmen zu deuten (etwa mit dem Beginn des Kambriums treten tierische Fossilien auf; vgl. |0.2.1.2 Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte|).

Abb. 103: Aus biblischer Sicht gehört der Tod nur in die Zeit nach dem Sündenfall des Menschen.

1.8 Literatur

Chang, H.-K.: Die Knechtschaft und Befreiung der Schöpfung. Eine exegetische Untersuchung zu Römer 8,19-22. BWM 7. Wuppertal 2000.

 

Autor: Manfred Stephan, 02.04.2009

© 2009, https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/i823.php

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0.2.1.3 Die Bindung der Erdgeschichte an den Sündenfall des Menschen (Experten)

2.0 Inhalt

In diesem Artikel wird gezeigt, weshalb aus biblischer Sicht die Geschichte des Lebens in einen kurzen Zeitrahmen gestellt werden muss. Das ergibt sich daraus, dass zum einen die Menschheitsgeschichte kurz ist (|0.2.1.2 Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte|), zum anderen daraus, dass aufgrund des Sündenfalls ein enger Zusammenhang zwischen der Geschichte des Menschen und der Geschichte der Tierwelt besteht.

Bei diesem Text handelt es sich um eine biblische Exegese [= Auslegung], während naturwissenschaftliche Aspekte nicht hier behandelt werden.

2.1 Einleitung

Im Artikel |0.2.1.2 Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte| wird erläutert, dass sich die Menschheitsgeschichte aus biblischer Sicht im zeitlichen Rahmen von einigen Jahrtausenden bewegt. Die Geschichte des Menschen ist – biblisch gesehen – mit dem Geschick der gesamten Schöpfung gekoppelt. Daraus ergibt sich ein ebenso kurzer Zeitrahmen auch für die Geschichte des Lebens. Im Folgenden soll dieser Zusammenhang erläutert werden.

2.2 Die Menschheit – durch den Ungehorsam der ersten Menschen dem Tod verfallen.

  • Der erste Mensch ist zwar aus Erde geschaffen, musste aber nicht sterben. In 1. Mose 2,17 wird dem ersten Menschen angedroht, dass er sterben wird, wenn er vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen isst. „Jahwe Gott tritt dem Menschen als Gebietender, als Herr gegenüber, und zwar offenbar zu dessen Gutem; denn gegen ihn entscheiden heißt, sich für den Tod zu entscheiden (V. 17b); sich für ihn entscheiden heißt, sich fürs Leben zu entscheiden“ (Seebass 1996, S. 113). Der Mensch (hebr. adham) ist war aus Erde (hebr. adhamah) geschaffen (Kap. 2,7). Aber das umschließt nicht die Notwendigkeit, sondern nur die Möglichkeit seines Todes, seiner Vergänglichkeit (Delitzsch 1887, S. 78; Möller 1997, 27.38). „In Gottes Nähe und am Ort des Lebensbaums war sie [die Vergänglichkeit| nicht wirksam geworden“ (Seebass 1996, S. 132; vgl. Junker 1994, S. 114). Zunächst standen dem Menschen noch beide Möglichkeiten offen: Wegen Ungehorsams dem Tod zu verfallen oder das ewige Leben zu erlangen. Vers 2,17 („an dem Tage, da du von ihm [dem Baum der Erkenntnis| issest, musst du des Todes sterben“) ist nicht so gemeint (wie öfter angenommen wurde), dass der Mensch noch am Tag des Ungehorsams hätte sterben müssen. Dafür machen Alttestamentler (zum Teil unterschiedliche) sprachliche Gründe geltend. Auch wird sonst im Alten Testament bei Todesurteilen stets eine andere Redeform gebraucht („zu Tode gebracht werden“). Von diesem Tag an ging jedenfalls das Dasein des ersten Menschenpaars unabwendbar auf das Sterben zu. Das zeigt sich u.a. auch an den Strafworten an die Frau (1. Mose 3,16); sie enthalten die Ankündigung einer „Änderung der bis dahin geltenden Schöpfung“ (Seebass 1996, S. 126). G. v. Rad (1987, S. 73) drückt es so aus: Nach 1. Mose 3 kommt „alles Leid aus der Sünde“.
  • Verlust des Lebensbaums – Preisgabe an den Tod. Nach Seebass (1996, S. 114) enthält aber 1. Mose 2,17 „auch die Sprache eines Urteils“. Seebass argumentiert so: Ein Urteil wird „nicht am Tage des Delikts vollstreckt, sondern unterliegt einem Verfahren“. Die ersten Menschen haben sich durch ihren Ungehorsam gegen Gott entschieden. Im Weitergang dieses Gerichtsverfahrens wird ihnen durch die Vertreibung aus dem Garten Eden endgültig verwehrt, vom Baum des Lebens zu essen (1. Mose 3,22-24). „Der Ungehorsam des Menschen bedeutet den Verlust der Möglichkeit, ewiges Leben zu erlangen (…). Die Sterblichkeit des Menschen … ist eine Konsequenz des Ungehorsams des Menschen, also Strafe“ (Witte 1998, S. 246).
  • Mit Gut und Böse vertraut – die Menschen müssen sterben. „Als einer, der nun mit Gut und Schlecht vertraut ist, soll der Mensch nicht ewig leben“ (Seebass 1996, S. 131). Denn nur Gott kann mit Gut und Schlecht (Böse) in rechter Weise umgehen. Alle Menschen werden künftig mit Gut und Schlecht (Böse) vertraut sein. Aber sie werden damit nicht so umgehen, wie es Gott gefällt. Sie sind ebenso wie ihre Ureltern dem Tod verfallen: „Deutlich genug zeigt er [der biblische Autor| in den folgenden Geschichten, wie sich die Menschenart Adams in seinen Nachkommen neu bestätigt: Kain, Lamech, die Zeitgenossen Noahs, die Turmbauer in Babylon – es ist alles die gleiche Art. Und so ist es begreiflich, dass der göttliche Fluch bestehen bleibt … ‚Der Tod ist der Sünde Sold’ (Röm 6,23)“ (Zimmerli 1967, S. 198).
  • Die ersten Menschen wollten wie Gott werden – das bedeutet den Tod. Die Vertrautheit mit Gut und Böse bedeutet (nach 1. Mose 3,22; vgl. 3,5), dass der Mensch in gewisser Weise wie Gott geworden ist. „Die Schlange will die Gottebenbildlichkeit von 1,26 überbieten und zur Gottgleichheit machen oder dazu verhelfen“ (Möller 1997, S. 33). Dieser Versuchung erliegen die Menschen (1. Mose 3,6). Am Sündenfall wird damit „eine generelle Verfallenheit aller Menschen an das Seinwollen wie Gott“ deutlich, und zwar „als alle erfassende Wirklichkeit“ (Seebass 1996, S. 139).

2.3 Der Tod von Tieren wird erst nach dem Sündenfall berichtet

In der biblischen Urgeschichte wird nicht ausdrücklich gesagt, dass der Tod der Tierwelt durch den Sündenfall des Menschen bewirkt wurde (s. u.). Aber es wird zumindest angedeutet. Denn das erste Menschenpaar erhält nach dem Sündenfall Kleidung aus Fellen (1. Mose 3,21). „Nun bereitet ihnen Gott selbst eine Hülle, und zwar aus Fellen getöteter Tiere, also auf Kosten des Lebens unschuldiger Wesen“ (Delitzsch 1887, S. 112). „Wie der Ackerboden um des Menschen willen verflucht wurde, müssen nun Tiere um des Menschen willen ihr Leben lassen.“ Auch das Opfer Abels (1. Mose 4,4) setzt den Tod von Tieren voraus (Möller 1997, S. 20.39).

2.4 Menschen und Tiere sollten sich ursprünglich vegetarisch ernähren

Zu diesem Thema gehört auch: In der ursprünglichen Schöpfung war sowohl Tieren als auch Menschen ausdrücklich nur pflanzliche Nahrung zugewiesen (1. Mose 1,29f.). „Damit wird … der Herrschaftsauftrag über die belebte Natur eingeschränkt, indem implizit [unausgesprochen| die Tötung von Tieren als Nahrungsbeschaffung ausgeschlossen wird.“ In 1. Mose 1,29f. handelt es sich also „um die Beschreibung eines urzeitlichen, aber gegenwärtig nicht mehr herrschenden Friedens“ (Witte 1998, S. 121f.). Auch v. Rad (1987) spricht hier „von dem paradiesischen Frieden in der Schöpfung, wie sie aus Gottes Hand gegangen und wie er gottgewollt war.“ Denn „nicht durch Gottes Ordnung und Gebot ist also das Töten und Schlachten in die Welt gekommen.“ Erst „die noachitische Weltzeit kennt andere Lebensordnungen (1. Mose 9,2)“ (S. 40). „Ein erstes Zeitalter hat dort seinen Abschluss gefunden. Ein Zeitalter, das dadurch gekennzeichnet war, dass in ihm noch kein Blut floss“ (Zimmerli 1967, S. 87).

2.5 Die Tierwelt – durch den Mensch der Vergänglichkeit unterworfen

Paulus nimmt in Römer 5,12-17 die Aussagen über den Sündenfall (1. Mose 3) auf. Danach kam der Tod durch Adam, den ersten Menschen, in die Welt (griech. Kosmos). Der Tod ist hier ganzheitlich zu verstehen, der leibliche Tod ist eingeschlossen. Das wird durch den Verweis auf den Tod von Adam bis Mose (Röm 5,14) besonders deutlich. Betrifft nun der Tod, wie viele Ausleger meinen, in Röm 5 nur die „Menschenwelt“? Das ist hier naheliegend und bleibt an dieser Stelle zunächst noch offen (vgl. |0.5.1.2 Die biblische Urgeschichte im Neuen Testament|).

Weiterführend sagt Paulus in Röm 8,19-23, dass die Vergänglichkeit ein sekundäres Kennzeichen der Schöpfung ist. Unter Schöpfung kann hier nur die Tierwelt verstanden werden (das musste zu Röm 5 noch offen gehalten werden; s.o.). Dies wird von fast allen Auslegern anerkannt (Diskussion bei Stuhlmacher 1992, 270-272; Junker 1994, S. 116-118). Beispielsweise spricht Stuhlmacher (1992) von „der Nichtigkeit, der die ganze menschliche und außermenschliche Schöpfung unterworfen ist (vgl. Röm 8,20)“. Genauer sagt er: „Seit Adams Fall ist sie unter die Gewalt der Sünde, des Todes und der Vergänglichkeit geraten“ (S. 270).

Der Neutestamentler C.H. Chang (2000) zeigt in einem umfangreichen Fachbuch besonders detailliert: Schöpfung (griech. ktisis) kann „in Röm 8,19-22 weder die gläubige noch die ungläubige Menschheit noch auch Engel oder Dämonen meinen. Als Umfangsbestimmung der hier angesprochenen ktisis kann so nur die außermenschliche, vernunftlose Schöpfung in Frage kommen“ (S. 90). Weiter: „Die ‚Knechtschaft’ unter die physische [körperliche| ‚Verderbnis/Vergänglichkeit’, in deren Zustand sich die außermenschliche Schöpfung gegenwärtig befindet (V. 21b), beruht auf dem historischen Ereignis, dass diese Schöpfung einstmals der physischen ‚Nichtigkeit unterworfen’ wurde (V. 20a)“ (S. 134). Oder einfacher ausgedrückt: „Die ganze Erde/Schöpfung [ist| durch die Übertretung Adams und zusammen mit Adam der Nichtigkeit und dem Niedergang verfallen“ (S. 227). Auch Stuhlmacher betont, dass Röm 8,20 auf dem Hintergrund von 1. Mose 3,17-19 zu verstehen ist (S. 271).

Alttestamentler äußern sich ebenfalls zum Zusammenhang zwischen 1. Mose 3 und Röm 8. Zimmerli (1967) sagt zum „Seufzen der Kreatur (Schöpfung)“, dass Röm 8,22 „mit umfassenderem Blick“ redet als 1. Mose 3. „Von diesem Seufzen ist hier klar bezeugt: Es ist kein zufälliges, aus irrationalen Hintergründen herrührendes Leid. Es ist Folge des Ungehorsams gegen Gott“ (S. 192). Denn „alles, was den Menschen trifft, trifft zugleich die mit ihm zu gemeinsamer Entwicklung zusammengebundene Naturwelt“ (Delitzsch 1887, S. 110).

2.6 Die fossile Tierwelt – von Anbeginn dem Tod unterworfen

Fossilien sind Zeugnisse vergangenen Lebens. Sie sind aber besonders eindrucksvolle Zeugnisse des Todes, nicht selten eines gewaltsamen Todes. Tod und Gewalt in der Tierwelt und beim Menschen verweisen aber nicht auf Schöpfung, sondern auf ein göttliches Gericht. Im vorigen Abschnitt wurde festgehalten: Laut biblischer Diagnose ist der Tod auch in der außermenschlichen Schöpfung Folge des menschlichen Sündenfalls. Durch den Ungehorsam des Menschen wurde auch die Tierwelt in die Knechtschaft der Vergänglichkeit, das heißt des Todes, hineingezogen. Damit ist die Existenz von Fossilien Ausdruck der menschlichen Sünde in der Welt. Denn Fossilien sind Reste ehemaliger Tiere. Deshalb muss die Bildung auch der frühesten Schichtgesteine mit Tierfossilien nach dem Sündenfall der ersten Menschen angesetzt werden.

Dazu kommt, dass unter den Fossilien nahezu von Beginn ihres Auftretens (das heißt etwa mit dem Kambrium) auch zahlreiche räuberische und parasitisch lebende Tiere bekannt sind. Sie ernährten sich also nicht (mehr) so, wie es im Schöpfungsbericht für die ursprüngliche Tierwelt beschrieben wird. Demnach war den Tieren wie auch dem Menschen anfangs pflanzliche Nahrung zugewiesen (1. Mose 1,29f., s. o.). Die räuberische und parasitische Lebensweise muss daher als nachträglich angesehen werden, als Folge des menschlichen Sündenfalls (siehe dazu |0.5.2.3 Modell für einen Umbruch in der Schöpfung|).

Abb. 103: Aus biblischer Sicht gehört der Tod nur in die Zeit nach dem Sündenfall des Menschen.

2.7 Der Mensch, die Fossilien und die geologische Schichtenabfolge

Aus diesen Überlegungen folgt: Da erst durch den Sündenfall des Menschen der Tod in die Tierwelt eingedrungen ist, ist die Fossilüberlieferung von Tieren (ab dem Kambrium) in den zeitlichen Rahmen der kurzen Menschheitsgeschichte zu stellen (Abb. 103). Damit steht die biblisch-urgeschichtliche Geologie vor der gewaltigen Aufgabe, die Fossilüberlieferung zumindest ab dem Kambrium in den zeitlichen Rahmen der Menschheitsgeschichte zu stellen und in diesem Rahmen zu deuten (etwa mit dem Beginn des Kambriums treten tierische Fossilien auf; vgl. |0.2.1.2 Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte|).

2.8 Literatur

Chang, H.-K.: Die Knechtschaft und Befreiung der Schöpfung. Eine exegetische Untersuchung zu Römer 8,19-22. BWM 7. Wuppertal 2000

Delitzsch, F.: Neuer Kommentar über die Genesis. Leipzig 51887 (Nachdruck Gießen 1999)

Junker, R.: Leben durch Sterben? Schöpfung, Heilsgeschichte und Evolution. Berlin 21994

Möller, H.: Der Anfang der Bibel. Eine Auslegung zu 1. Mose 1 bis 11. Zwickau 31997

Rad, G. v.: Das erste Buch Mose. ATD 2-4. Göttingen 121987

Seebass, H.: Genesis I. Urgeschichte (1,1-11,26). Neukirchen-Vluyn 1996

Stuhlmacher, P.: Biblische Theologie des Neuen Testaments. Bd. I: Grundlegung. Von Jesus zu Paulus. Göttingen 1992

Witte, M.: Die biblische Urgeschichte. Redaktions- und theologiegeschichtliche Beobachtungen zu Genesis 1,1 – 11,26. BZAW 265. Berlin-New York 1998

Zimmerli, W.: 1. Mose 1-11. Urgeschichte. ZBK. Zürich 31967 (41984)

 

Autor: Manfred Stephan, 02.04.2009

© 2009, https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/e823.php

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