Reduktion und Emergenz – ist Leben mehr als komplexe Physik?
Dieser Aufsatz soll den Sinn des häufig verwendeten Ausdrucks der Reduktion im Hinblick auf eine Reduktion des Lebendigen auf das Nichtlebendige klären. Zunächst werden die beiden grundlegenden Bedeutungen des Wortes „Reduktion“, die in diesem Zusammenhang der Deutung des Phänomens des Lebendigen relevant sind, bestimmt und dargelegt. Den beiden Bedeutungen entspricht das, was wir im Folgenden „begriffliche Reduktion“ und „ontologische Reduktion“ nennen. Auf dieser Grundlage ist zu untersuchen, ob und inwiefern ein Reduktionsverhältnis des Lebendigen auf das Nichtlebendige besteht, also ob und gegebenenfalls wie Lebendiges auf Nichtlebendiges zurückgeführt werden kann. Für eine begriffliche Reduktion müsste ein Lebewesen identisch sein mit seinem Körper als einem beliebig komplexen, aber rein physikalischen Gegenstand. Dies ist zwar, abgesehen jeweils von uns selbst , formal denkbar, würde aber zu einem Verlust dessen führen, was Leben spezifisch von Nichtleben unterscheidet. Unter dieser Voraussetzung müssten zum Beispiel die intrinsische Zielgerichtetheit eines Lebewesens, gegebenenfalls seine Empfindungs-fähigkeit und Begriffe wie „krank“ oder „gesund“ als illusorisch beziehungsweise sinnlos abgetan werden.
Die ontologische Reduktion will dieser Konsequenz entgehen. Auf der Sachebene ist der entscheidende Unterschied zur begrifflichen Reduktion, dass hier das als lebendig Aufgefasste nicht identisch ist mit seinem physikalischen, nicht-lebendigen Substrat. Jedoch ist es auf dieses nicht-lebendige Substrat ontologisch reduzierbar, wodurch einer physikalistischen beziehungsweise naturalistischen Ontologie Rechnung getragen wird. Hieran wird deutlich, dass dieses Konzept bedeutungsgleich ist mit dem, was häufig „Emergenz“ genannt wird: Das Ganze ist, in einem streng ontologischen Sinne, mehr als die (vollständige) Summe seiner Bestandteile. Dies bedeutet, dass das Lebendige einerseits etwas Zusätzliches zum physikalischen Substrat ist oder besitzt, aber andererseits seine Existenz nichts über die Existenz dieses Substrats Hinausgehendes ist. Damit scheint aber ein grundlegender Widerspruch impliziert zu sein, weswegen das Konzept der ontologischen Reduktion beziehungsweise der Emergenz für eine Deutung realer Phänomene ungeeignet ist. Damit ist aber gezeigt, dass keine Form einer Reduktion von Lebendigem auf Nicht-Lebendiges möglich ist, zumindest ohne unser bisheriges Verständnis von Lebendigem aufzugeben.
Abstract (via DeepL)
This essay aims to clarify the meaning of the frequently used term “reduction” with regard to the reduction of the living to the non-living. First, the two fundamental meanings of the word “reduction” that are relevant in this context to the interpretation of the phenomenon of the living will be identified and explained. These two meanings correspond to what we will refer to below as “conceptual reduction” and “ontological reduction.” On this basis, we will examine whether and to what extent a reductive relationship exists between the living and the non-living—that is, whether and, if so, how the living can be reduced to the non-living. For a conceptual reduction to hold, a living being would have to be identical to its body as an arbitrarily complex but purely physical object. While this is formally conceivable—aside from ourselves in each case—it would lead to a loss of what specifically distinguishes life from non-life. Under this assumption, for example, the intrinsic purposefulness of a living being, its capacity for sensation (if any), and concepts such as “sick” or “healthy” would have to be dismissed as illusory or meaningless.
Ontological reduction seeks to avoid this consequence. On a factual level, the decisive difference from conceptual reduction is that here, what is understood as living is not identical to its physical, non-living substrate. However, it is ontologically reducible to this non-living substrate, thereby accommodating a physicalist or naturalist ontology. This makes it clear that this concept is synonymous with what is often called “emergence”: The whole is, in a strictly ontological sense, more than the (complete) sum of its parts. This means that, on the one hand, the living is something additional to the physical substrate or possesses something beyond it, but on the other hand, its existence is nothing beyond the existence of this substrate. However, this seems to imply a fundamental contradiction, which is why the concept of ontological reduction or emergence is unsuitable for interpreting real phenomena. This demonstrates, however, that no form of reduction of the living to the non-living is possible—at least not without abandoning our current understanding of the living.
Inhalt:
- Übersicht
- Hinführung
- Zwei radikal verschiedene Arten von Reduktion
- Das Konzept der begrifflichen Reduzierbarkeit
- Das Konzept der ontologischen Reduktion
- Kritik am Konzept der ontologischen Reduktion
- Fazit
- Literatur